Barrierefreiheit schafft Barrieren

Eine der beliebtesten Fragen, die meine Schieber mir stellen, wenn wir so dahinlaufen, ist folgende: „Hast du dir eigentlich noch nicht überlegt, dir so ein elektrisches Teil anzuschaffen?“ Aus dem Kontext des Laufens erschließe ich stets folgerichtig, dass ein elektrischer Rollstuhl gemeint ist. Das mag aus der Perspektive der Schieberin oder des Schiebers durchaus Sinn machen. Hätte ich so ein schickes Gefährt, müsste sie oder er sich in diesem Moment nicht abmühen. Ich müsste mich vielleicht auch nicht abmühen. Eigentlich eine verlockende Sache. Der Haken daran ist, dass ich gerade in meinem Alltag ganz gerne mal Bus und Zug fahre. Bei einem elektrischen Rollstuhl würde das spontane Hineintragen und Hinauswerfen nicht so funktionieren.

Technische Mittel bergen Herausforderung

Denn auch bei den leichten Varianten, bei denen in den großen Rädern Akkus integriert sind, damit sie den Antrieb verstärken – ich müsste also doch noch schieben -, wiegt jedes der Räder allein elf Kilogramm. Zum Vergleich: Die, die sich jetzt an meinem Gefährt befinden, wiegen je 400 Gramm. Und zwanzig Kilo Mehrgewicht sind zwanzig Kilo Mehrgewicht. Dass ein durchschnittlicher richtiger E-Rollstuhl allein 140 Kilogramm wiegt, davon muss ich nicht erst reden. Der bringt dann mit mir drin das dreifache Gewicht von dem, was ich jetzt ebenfalls inklusive Gefährt habe, auf die Waage. Viel Spaß beim Tragen! Das erklärt natürlich hervorragend, warum man versucht, vieles so auszurichten, dass gar nicht erst getragen werden muss. An sich ist das eine prima Idee und sie klappt auch an vielen Stellen sehr gut, vor allem in den Städten.

Meine Pendelei wäre allerdings schlicht nicht möglich, denn in meinem beschaulichen Heimatdorf gibt es am Bahnhof keinen Hublift, mit dem man auch schwerere Gefährte in einen Zug bekommt. Den gibt es erst im Nachbarort. Um dahinzukommen, müsste ich – besäße ich denn einen E-Rollstuhl – entweder eine Stunde mehr Zeit einplanen oder mich aber kutschieren lassen, wobei dann wiederum das Problem auftauchen würde, dass ein Koloss von Rollstuhl ins Auto verladen werden müsste – und ganz ehrlich, dann kann mich auch jemand direkt nach Tübingen fahren. Ein Problem habe ich also dann, wenn weder Menschen da sind, die mir helfen können, noch alle Barrieren beseitigt sind, dann also, wenn ich eben nicht dahin komme, wo ich will.

Also brauchen wir mehr davon?

Das kann man jetzt mit gutem Recht so auslegen, dass bei uns in Deutschland einfach noch zu wenig getan wird, was die Barrierefreiheit angeht. Dummerweise kann aber auch niemand hexen. Und anstatt zu warten, dass es doch jemand kann, lasse ich mir gerne mal helfen und bin im Handbetrieb deutlich mobiler und flexibler. Ich muss, um ein weiteres Beispiel zu bemühen – nicht zwei Jahre warten, bis ein Aufzug gebaut ist, sondern nur zwei Sekunden, bis meine Mitmenschen verstanden haben, dass ich eine Treppe hinaufwill und mir ihre Bereitschaft zum Tragen zugesagt haben. Wiederum will ich damit nicht die scheinbar langsame Behördenlandschaft anprangern. Selbst wenn der Aufzug in Akkordarbeit gebaut würde: Ich will ehrlich gesagt keine zwei Wochen warten, um in den ersten Stock zu kommen. Wer den Abschnitt gelesen und verstanden hat, hat einen wesentlichen Teil meiner Lebensphilosophie – und meines Lebens – verinnerlicht.

Die Hersteller der E-Rollstühle mögen betonen, dass sie heute Produkte bauen, die erstens eine sehr lange Akkulaufzeit haben und zweitens sehr störunanfällig sind. Aber sie bleiben störanfällig und sind begrenzt in ihrer Reichweite. Gut, bei letzterem kann man vorplanen. Aber wenn 215kg erst einmal stehen bleiben – warum auch immer -, dann bleiben sie stehen, womöglich sind sogar noch Räder blockiert. Die kann auch niemand mehr schieben, von mir selbst ganz zu schweigen. Nicht dass ich vor solchen Situationen Angst hätte. Aber ich verlasse mich lieber auf meine Körperkraft und die meiner Mitmenschen. Denn wenn einer von ihnen mal außer Puste sein sollte, gibt es, auch wenn dieser Fall im Alltag noch nicht eingetreten ist, Ersatzhelfer. Schließlich und endlich tut mir etwas eigene Bewegung gut.

Natürlich gibt es Menschen, die sich nicht und zwar gar nicht oder sehr eingeschränkt mit eigener Muskelkraft voran bewegen können und die dann für jede Drehung oder Meter Hilfe bräuchten. Wie sich das anfühlt, weiß ich noch gut aus der Zeit, als ich mir bei den Theaterwochen in der elften Klasse die Hand verstauchte. Deswegen will ich auch überhaupt nicht sagen, dass E-Rollstühle Teufelszeug sind. Ich für meinen Teil habe beschlossen, mein Mobilitätsbedürfnis anders zu stillen.

Wohin Technik und Individualismus führen (können)

Wir stöhnen auf, wenn wir wieder einmal hören, dass in Japan mehr und mehr Pflegeroboter eingesetzt werden. Es heißt zwar, dass die Roboter auch dort lediglich unterstützende Funktionen haben sollen und die Menschen weiterhin die Hauptrolle in der Pflege übernehmen würden. Man muss dazusagen, dass die Japaner das nicht nur aus Jux und Tollerei machen. Sondern weil bei ihnen ein eklatanter Pflegekräftemangel und eine massive Vergreisung vorherrschen. Dennoch ist es beklemmend für uns, uns eine Welt vorzustellen, die menschliche Kontakte immer mehr aufgibt. Ironischerweise arbeiten wir aber schon in viel jüngeren Jahren darauf hin. Nicht (nur) was die Technik angeht.

Wir wollen immer selbstständiger werden, immer individueller. Von klein auf lernen wir: Du kannst das selber, lass dir nichts vormachen. Lass dich bloß von niemandem bevormunden. Besonders oft und vehement habe ich diese Sätze in der KBS, der Körperbehindertenschule, gehört. Genauso wie Manche die Angst beherrscht, dass sie nicht sie selbst sind, wenn sie nicht ihren hundertprozentig eigenen, individuellen Lebensentwurf leben. Freundschaften und Beziehungen haben so lange ihren Sinn, bis sie jenen Menschen zu sehr in ihre Individualität und Selbstständigkeit hineinpfuschen.

Ich will die Zeiten nicht verunglimpfen. Ich weiß selbst, was ich ihnen zu verdanken habe. Nur habe ich manchmal den Eindruck, dass wir es mit unserer Mündigkeit zu weit getrieben haben und vor allem mit dem Streben nach Individualität. Manche Menschen beklagen: „Ach, früher gab es noch viel mehr Gemeinsinn“ Das stimmt. Aber wir selbst haben eine Gesellschaft geformt, die das Individuum ganz vorne hinstellt. Es geht um den eigenen Spaß, um die eigene Präsentation in den sozialen Medien. Und schließlich gibt es immer mehr Maschinen, die menschliche Interaktion überflüssig machen.

Barrierefreiheit schafft auch Barrieren

Letztlich bauen wir durch Maschinen und Barrierenabbau bei aller Notwendigkeit Barrieren zwischen uns Menschen auf. Denn dort, wo Menschen ganz einfach gewohnt sind, auf andere zuzugehen – wie es bei mir absolut der Fall ist -, kommt nicht nur Hilfe zustande, sondern auch Kommunikation und Menschlichkeit. Dadurch, dass es nicht nötig ist, andere um Hilfe zu bitten, ist es auch nicht nötig, Kontakt entstehen zu lassen. Wo eine Welt sich dahin ausrichtet, dass alles alleine gemacht werden kann, gewöhnt man sich daran, dass man alles alleine macht. Und stören will man die anderen auch nicht, denn sie sind ganz bestimmt sehr mit sich beschäftigt.

Das hat mitunter auch gar nichts mit Hilfe und Hilfsbedürftigkeit zu tun, man will einfach niemanden einfach so ansprechen, nur weil man gerade das Bedürfnis nach Kommunikation verspürt, der ist ja beschäftigt, eingespannt von der Welt. Ironischerweise sind die meisten damit beschäftigt, ihre sozialen Bedürfnisse über das Netz zu erfüllen. Aber meine Hilfsbedürftigkeit zwingt mich dazu, Kontakt aufzunehmen. Und so bin ich das Kontaktaufnehmen so sehr gewohnt, dass ich grundsätzlich keine Scheu habe, Menschen anzusprechen, auch ohne Hilfebedürfnis. Das ist der grundsätzlich tolle Aspekt meiner Behinderung, dass ich mich den Menschen, der Menschheit so nahe verbunden fühlen kann, tief in sie eingelassen und geborgen.

Ich will nicht dazu anregen, alle Bemühungen in die Barrierefreiheit und maschinelle Hilfe im Alltag aufzugeben. Ich bin mir sehr wohl aus eigener Erfahrung bewusst, dass es (wenn auch wirklich sehr wenige) Barrieren gibt, die auch mit größter menschlicher Mithilfe nicht überwunden werden können, und dass manchmal einfach keine Menschen da sind. Vielleicht bietet es sich an, auch Barrierefreiheit zum Trotz, Mitmenschen anzusprechen. Die meisten freuen sich, wenn sie helfen dürfen.

Nischen finden

Apropos Hilfe: Ich besuchte wieder mal meine Freunde in München. Sie hatten mittlerweile eine hübsche Wohnung im Pattere. Während die anderen zwischen Esszimmer und Küche hin- und herliefen, saß ich da und las. Esszimmer und Küche waren nämlich über einen Flur verbunden. Allerdings mit Schwellen, die ich nicht überqueren wollte, wenn ich heißes Essen oder zerbrechliches Geschirr auf dem Schoß trug und nicht festhalten konnte, weil meine Hände natürlicherweise anderweitig beschäftigt waren. Irgendwann einmal entschuldigte ich mich bei unserer Gastgeberin, dass ich nicht half. Denn während es immer köstlicher aus der Küche duftete und immer mehr Ausrüstungsgegenstände für Raclette nebst entsprechenden Zutaten auf den Tisch vor mir gelangten, saß ich da und las und las. Darauf sagte sie zu mir: „Macht doch nichts, du darfst dich hier einfach mal wohlfühlen.“

Diese Worte erfüllten mich zutiefst. Immer wieder mache ich in meinem Leben die Erfahrung, recht nutzlos daneben zu stehen, während andere schuften. Ich komme mir dann manchmal auch nutzlos vor. Aber jedes Mal erlebe ich, wie mir bis auf kleine Neckereien das Rumstehen niemand übelnimmt. Und aus dieser Haltung der anderen erwächst ganz viel Kraft für mich. Kraft, die mich dazu befähigt und antreibt, überall dort zu helfen, wo ich es kann. Ich muss mir meine Nischen zum Helfen sehr genau suchen, so wie ich mir für alles Nischen suchen muss.

Helfen kann ich gut bei allem, was mit Sprache und Gefühlen zu tun hat, also etwa Dinge erklären. Am liebsten aber höre ich Leuten zu, denke über ihre Geschichten nach und wenn es angebracht ist, auch über Ratschläge. Bestimmt liegt mir das deshalb so, weil ich selbst gewohnt bin, immer mein Innerstes, mein Schwächstes zu zeigen. Deshalb habe ich auch keine Hemmungen vor dem Innersten meines Gegenübers.

Hilfe schätzen können

2015 verstarb meine Krankengymnastin, die mich in den ersten elf Jahren meines Lebens begleitet hatte, an Krebs. Ein Jahr vor ihrem Tod trafen wir uns und unterhielten uns. Damals schien es, als sei sie auf dem Weg der Genesung, der Krebs besiegt. Jedoch hatte er tiefe Spuren hinterlassen. Längere Strecken zu laufen war für sie unmöglich. Und auch sonst brauchte sie viel Hilfe und Unterstützung. Sie erzählte mir, wie zufrieden sie damit sei, wie gut alles klappen würde. Und dann sagte sie einen Satz, den ich nicht so schnell vergessen werde: „weißt du, ich beneide dich. Das, was du schon ein ganzes Leben als gesunder, glücklicher junger Mensch erleben darfst, bekomme ich jetzt im Alter, krank und gebrechlich und merke, wie wunderschön es ist!“

Das ist für mich der ultimative Beweis, dass wir Menschen zutiefst soziale Wesen sind und andere Menschen brauchen. In unserer Gesellschaft bekommen wir eingetrichtert, dass wir nur dann als Menschen etwas wert seien, wenn wir uns frei und autark bewegen könnten. Natürlich ist es wichtig, bestimmte Dinge alleine zu machen, machen zu können. Aber in unserem Drang nach Selbstständigkeit übersehen wir oft auch die heilende Wirkung des Miteinanders. Und weil ich im Rollstuhl sitze, und weil ich auf Hilfe angewiesen bin – mein ganzes Leben – bekomme ich auch viel mehr Hilfe. Entscheidend neben der Hilfe ist die Zuneigung, die mir dabei zuteil wird – viel mehr, als jeder selbstständige Mensch bekommen kann. Im Gegensatz zur Erwartung vieler bringt mir mein Rollstuhl kein Leid, sondern viele für Läufer überraschende Vorteile und tiefste Zufriedenheit.