Schmerzhafte Folgen

Eines Tages im achten Semester besah ich mir meine bisherigen Studienleistungen und mir fiel zum ersten Mal wirklich auf, dass sie sich seit meinem fünften Semester im Schnitt markant verbessert hatten. Damit meine ich, dass es auch zuvor gute Noten gegeben hatte und ab dem fünften Semester auch weniger gute, in der Gesamtheit aber die guten später zunehmend überwogen. Gerade im sechsten Semester waren meine Noten geradezu explodiert.

Mir wurde bewusst, dass ich ab besagtem fünften Semester, also etwa sieben Monate nach Beginn meiner Schmerzbehandlung, so wenig Schmerzen hatte, dass sie mich kaum noch beeinträchtigten oder ich sie nennenswert spürte (trotzdem hätte ich im Traum nicht gedacht, dass es mir einmal so gut gehen könnte, wie es mir heute geht). Ich will mich natürlich hüten, einen kausalen Zusammenhang herzustellen. Aber der temporäre lässt sich nicht leugnen. Je mehr ich mich mit diesen Zusammenhängen beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, wie dominant Schmerz und Schmerzbekämpfung gewesen waren.

Andere Dinge in Kopf und Körper

Jedenfalls war es so, dass ich mich ständig fragte, was ich gegen die nagenden Schmerzen tun könnte. Wie ich sie wieder loswerden könnte. Ich muss fairerweise dazusagen, dass ich mich vom Schmerz nicht hatte bremsen lassen, wie man es mir teilweise nahelegte. Ich absolvierte das volle Uniprogramm, spielte Theater, sang, gab Nachhilfe, fuhr draußen Rollstuhl, war Bruder, Sohn und Freund vieler Menschen. Hätte ich gewusst, dass die Schmerzen damit schneller weggegangen wären, hätte ich mich vielleicht geschont. Aber da ich zum damaligen Zeitpunkt davon hatte ausgehen müssen, dass sie das nur vielleicht täten und ich sie auf immer behalten musste, dachte ich nicht daran.

Meine Krankengymnastin brachte es auf den Punkt. „Andere in deiner Situation würden vielleicht morgens gar nicht mehr aufstehen wollen und in Depressionen verfallen. Dir merkt man die Schmerzen überhaupt nicht an.“ Ich will mich nicht zum Helden machen. Die Schmerzen waren sehr heftig. Es waren Unmengen meiner eigenen Energie nötig, um sie zu handhaben.

Dass diese Energien irgendwo abgezogen wurden, leuchtete sogar mir ein. Warum nicht auch von meiner Konzentration beim Lernen oder Schreiben von Klausuren oder von meiner generellen positiven und lebensbejahenden Einstellung? Nicht, dass ich das damals irgendwie bemerkt oder in Worte hätte fassen können. Was also, wenn nicht meine vermeintliche Blödheit, sondern banale Schmerzen – auf Umwegen – für meine eher unterdurchschnittlichen Studienleistungen des zweiten bis vierten Semester verantwortlich gewesen waren? Ich werde es nie erfahren.

Hilft alles nicht

Das war übrigens ein Beispiel an dem ich mich hätte beklagen können. Habe ich auch. Dass mir der Schmerz nicht nur gute zwei Jahre heftige Probleme und Einschränkungen beschert hatte, sondern vielleicht auch noch einen Leistungsabfall. Die Klagen und Überlegungen waren umsonst. Doch ich hatte mich schon im sechsten Semester zu Glanzleistungen aufgeschwungen und baute das auf den Schluss hin immer mehr aus, so sehr, dass ich am Ende ganz akzeptabel abschnitt. Weil ich mich aufraffte. Und mir allem Kummer zum Trotz mehr als einmal in den Hintern trat. Ich fasste den Entschluss, das Studium um ein Jahr zu verkürzen. Das war knackig, aber ich wollte es nicht anders. Insgesamt war ich weit schneller fertig mit meinem Studium als in der Studienordnung vorgesehen – Schmerzfreiheit ist ein sehr hohes Gut.