Vom Glück der Hilfe

In einem Seminar in meinem neunten, also vorletzten, Semester, saß ich besonders gerne. Auch wenn es mir sehr viel Spaß machte, will ich etwas anderes erzählen. Achtung: der folgende Beitrag ist nicht für zarte Gemüter geeignet.

Ich hatte am Samstagmorgen verschlafen – es handelte sich wie gesagt um ein Blockseminar, die zu beliebiger Zeit stattfinden können – und gerade noch meinen Zug erwischt. Da die Zeit nicht einmal zum Klogehen gereicht, ich aber schon beim Aufstehen einen entsprechenden Drang verspürt hatte, stellte ich im Seminarraum nur schnell meine Tasche ab, schnappte mir meinen Multifunktionsschlüssel und ab ging’s zum Klo, das im anderen Gebäudeflügel beheimatet war. Ich schloss in Eile die Tür hinter mir ab, befreite mich aus meinem Rollstuhl, hielt mich mit der linken Hand an den Stützgriffen, während die rechte die Hosen herunterzog. Dann geschah das Unheil.

Mögliche Optionen

Irgendwie schaffte ich es, mich neben die Schüssel zu setzen, was objektiv betrachtet ein ganz schönes Kunststück ist. Ich lag nun irgendwo zwischen Kloschüssel, Rollstuhl und den Stützgriffen. Und musste sehr dringend aufs Klo. Dummerweise reichen meine physischen Fähigkeiten nicht aus, um mich vom Boden wieder nach oben zu ziehen. An einem Waschbecken kann ich das zwar, aber das war in der anderen Ecke des Raumes.

Theoretisch hätte ich hin robben können. Nur hätte das wenig gebracht, weil ich ja dann drei Meter vom Klo weg gestanden hätte. Und zu dem logischen Gedanken, erst meinen Rollstuhl dort hinüber zu schubsen, selbst irgendwie hinterher zu kommen und dann meinen Rollstuhl zu erklimmen, kam ich schon, wäre allerdings auch ohne eine zum Zerreißen gespannte Blase nicht wirklich in der Lage dazu gewesen.

Ich entdeckte die hübsche rote Schnur, die für Notfälle in Behindertentoiletten angebracht ist. Als ich daran zog, erklang vor der Klotür ein dünnes hohes Piepsen. Es war Samstag, außer unserem Kurs niemand im Haus und das Klo wie schon gesagt auch weit weg von meiner Seminargruppe. Auch wenn Rufen nicht wirklich einen Sinn hatte, lauter als die Miniaturhupe da draußen war ich alle Mal. Doch wie erwartet hörte es niemand, von einem Kommen ganz zu schweigen. Ich hatte natürlich auch mein Handy nicht dabei, da ich ja nur ‚kurz aufs Klo‘ wollte.

Ohne Rollstul aufgeschmissen

Irgendwann macht auch eine trainierte Blase nicht mehr mit. Zu allem Überfluss machte sich bald darauf auch das andere Bedürfnis überdeutlich und unausweichlich bemerkbar. Die letzten Tage schon hatte meine Verdauung nicht ganz so reibungslos funktioniert oder besser wohl etwas zu reibungslos. Und fünf Minuten später… Naja, es war jedenfalls nicht schön. Auch wenn ich dem braunen Festkörper ein wenig entkommen konnte, der flüssige sog sich in meine Kleidung. Überhaupt nicht schön. Immer mal wieder rief ich aufs Geratewohl um Hilfe. Doch umsonst.

Ich muss dazusagen, dass die Seminarteilnehmer sich wohl deshalb nicht wunderten, weil ich am Tag zuvor schon lange auf dem Klo gewesen war – beschämender Weise aber, weil ich telefoniert hatte. Also machte ich mich auf eine längere Wartezeit gefasst. Irgendwann ging dann noch das Licht aus, während draußen der Alarm fröhlich weiterfiepte.

Hilfe naht fast

Ich hatte mich so einigermaßen mit meiner Lage arrangiert, als ich Schritte den Flur entlangkommen hörte, und kurz darauf meine Dozentin klopfte und fragte, ob denn alles in Ordnung sei. Ich verneinte wahrheitsgemäß und bat sie, drei Jungs herzuschicken – irgendwie musste ich schließlich wieder in die Senkrechte kommen. Die kamen dann auch erfreulich schnell. Nur leider kamen sie nicht zu mir rein, den Schlüssel hatte ich mitgenommen.

So unterhielten wir uns durch die Tür, wo man denn nun auf die Schnelle an einem Samstag einen Euroschlüssel herbekommen konnte. Ich delegierte einen der drei an die in relativer Nähe liegende Information der UB. Unsere Dozentin hatte zu aller Sicherheit die Polizei verständigt. Und auch meine Eltern, denn ich hatte ein sehr starkes Bedürfnis nach einer Dusche und sauberer Kleidung und zwar ohne anderen Zug- und Busfahrgästen geruchlich unangenehm aufzufallen.

Meine Rettung

Schließlich kamen die Jungs rein. Und jetzt komme ich zu dem, warum ich diese unerfreuliche Geschichte erzähle. Wenn sie es eklig fanden – und sie hatten allen Grund dazu, wie sie mich in meinen Exkrementen daliegend sahen, Geruchskulisse inklusive -, dann ließen sie es sich nicht anmerken. Kurz klärten wir, wie wir vorgehen wollten. Sie würden mich aufs Klo heben, damit ich meinen Hintern soweit reinigen konnte und dann in den Rollstuhl. Einer griff mir unter die Kniekehlen, zwei nahmen mich unter den Armen.

Man muss bedenken, dass ich nass und auch rutschig war. Und auch wenn sie dabei in alles mögliche Unschöne hineinlangen mussten, zögerten sie erstens nicht, loszulegen und ließen mich zweitens auch dann erst alleine auf dem Klo sitzen, als ich hunderttausend Prozent richtig saß. Sie gingen raus, um mir Privatsphäre zu lassen – als ob sie nicht alles Erniedrigende und Private an mir gesehen hatten – und standen zehn Sekunden nach meinem Ruf wieder da.

Ich kann es nicht anders sagen und eigentlich reichen auch die folgenden Worte nicht ansatzweise aus, die Würde und Sorgfalt, Menschlichkeit, Achtung und Behutsamkeit und gewissermaßen Liebe, die sie an den Tag legten, war phänomenal und unendlich wertvoll für mich; daher auch dieses ganze Erlebnis und daher die teils drastische Schilderung hier. Sie stellten all ihre widerstrebenden Gefühle vollkommen zurück. Die Krönung war, dass das Ganze nie mehr von ihnen in irgendeiner Weise – etwa durch Kommentare, Blicke, Gesten und so weiter – zum Thema gemacht wurde. Dabei waren die drei sich selbst vergessenden jungen Männer nicht etwa enge Freunde; am Tag zuvor hatten wir uns das erste Mal gesehen, nur von einem kannte ich den Namen.

Technisches Versagen?

Die Polizei, die dann auch gekommen war, interessierte vor allem, ob ich irgendwie verletzt sei. Ich verneinte und bedankte mich für ihr Kommen und dafür, dass sie mir anboten, mich nach Hause zu fahren, aber meine Eltern waren nun mal schon auf dem Weg. Bevor sie sich jedoch mit der Aufnahme meiner Personalien verabschiedeten, bat ich sie – und dieser Bitte darf jeder nachgehen, der darauf irgendeinen Einfluss hat! -, sich zu erkundigen, warum man den Notruf in Behindertentoiletten nicht grundsätzlich an das Rote Kreuz, die Polizei oder Feuerwehr weiterleiten konnte.

Hauptsache aus dem Haus, dorthin, wo Menschen sind, die über die entsprechende Erfahrung und Equipment (Euroschlüssel oder andere Methoden, sich Zutritt zu Räumen zu verschaffen) verfügen. Denn der Alarm war, Verzeihung, ein einziger Reinfall. Man musste schon direkt davorstehen, um etwas mitzubekommen. Sie versprachen, wohl ehrlich irgendwie auch peinlich berührt, wobei sie persönlich überhaupt nichts für die Situation konnten, nachzuhaken. Ihnen beiden und natürlich um ein Vielfaches mehr noch den drei Jungs bin ich zutiefst zu Dank verpflichtet.

Eine andere nette Toilette

Burger King stellt mir am Bahnhof Tübingen freundlicherweise seine Toilette kostenlos zur Verfügung. Die eigentliche Bahnhofstoilette ist weitaus komplizierter zum Daraufsitzen für mich beziehungsweise ich wusste lange Zeit gar nicht, dass hinter der zu bezahlenden (!) Tür bei den Pissoirs tatsächlich eine behindertengerechte Toilette ist – und habe mich nun mal an den Burger King gewöhnt. Eines Tages in meinem letzten Semester hatte ich meinen Zug verpasst und so wollte ich nicht erst noch mit dem Bus zur Uni fahren zum Pinkeln. An sich ist das natürlich geschickter, weil ich dort eine Flasche habe und nicht die Tasche ab- und anschnallen beziehungsweise die Handschuhe aus- und wieder anziehen muss. Aber der Drang ließ über derartige Ökonomien hinwegsehen.

Ein weiterer Sturz

Frohgemut schwang ich mich also auf den Toilettensitz. Irgendwie zu schwungvoll, denn meine Beine sausten unter mir weg. Ich hing also an der Stütze. Diesmal hätte ich es rein logistisch sogar geschafft mich auf das Klo zu hieven, aber jedes Mal, wenn ich mich mit den Füßen ein wenig aufstützen wollte, sausten sie wieder weg. So etwas war mir noch nie passiert. Und das hat seinen guten Grund. Als ich nämlich leicht genervt auf dem Boden saß, stellte ich fest, dass er voller Seife war, zumindest exakt um den Flecken herum, an dem meine Füße hätten Halt finden sollen.

Gott sei Dank war es diesmal nicht so dringend wie geschildertes letztes Mal. In dem Glauben, dem Alarm noch eine Chance geben zu können, zog ich an der roten Schnur – sie riss glatt durch, ich war dabei noch sanft gewesen. Also verlegte ich mich aufs Rufen. Schnell wurde mir jedoch klar, dass mich durch die massive Tür, durch den Vorraum, durch eine weitere Tür im lärmigen Restaurant niemand hören würde. Natürlich hätte ich warten können, bis jemand das Klo hätte benutzen wollen, nur war morgens um 11Uhr nicht allzu viel los.

Erfahrung macht klug

Aber ich bin lernfähig und so zog ich mein Handy aus der Tasche. 110 war schnell und recht skrupellos gewählt und ich hatte mein Anliegen der etwas verwirrten Telefonistin geschildert. Sie versprach, Hilfe vorbeizuschicken. Da ich mein Handy schon in der Hand hatte und die Zeit nutzen wollte, suchte ich mir die Aufnahmen von unserem damals aktuellen Musicalprojekt Joseph von Andrew Lloyd Webber heraus, und probte fleißig. Weil ich mindestens so laut singen wie rufen kann, bestand ja sogar als Bonus eine Chance, dass mich doch jemand hörte.

Dem war nicht so. Aber nachdem ich mich einigermaßen bequem an meinen Rollstuhl gelehnt hatte, zog ich mir schnell die Hose nach oben und knöpfte sie zu. Fliesen sind kalt. Ich fühlte mich gerade so richtig wohl und war an einer meiner Lieblingsstellen angelangt, als ich draußen Stimmen und Schritte hörte. Sofort verstummte ich und mein Handy gleich mit. Mit aller aufzubietenden Seriosität unterhielt ich mich durch die verschlossene Tür mit den Polizisten. Abermals waren es augenscheinlich ein Herr und eine Dame. Ja, ich läge dort drin, ja, mir ginge es gut soweit, und ja, sie sollten doch bitte hereinkommen.

Das taten sie prompt, nachdem sie vorne im Restaurant den Schlüssel ergattert hatten. Nachdem sie mir beide auf die Schüssel geholfen hatten, bat ich sie draußen zu warten, bis ich mich erleichtert hätte. Artig gingen sie. Es war dann noch mal ein rechtes Kunststück, die Hose und Unterhose aus- und später wieder anzuziehen; stehen konnte ich ja auf dem seifigen Boden noch immer nicht. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das Ganze letzten Endes im Sitzen bewerkstelligt hatte. Aber der jüngeren Dame wollte ich meine Blöße erspart wissen. Sie mussten dafür ein wenig länger warten.

Vom Glück des Notrufs

Freundlich halfen sie mir dann wieder in mein Gefährt und bestätigten nebenbei, dass der Boden nicht wirklich rutschfest war. Wir verabschiedeten uns im besten Einvernehmen, nicht einmal meine Personalien wollten sie diesmal haben.

Mich hat dieses Erlebnis darin bestärkt, den Wohlstand unserer Gesellschaft zu schätzen. Ich kann eine kostenlose Nummer wählen, bei der zu jeder und zwar wirklich jeder Tages- und Nachtzeit jemand rangeht und – in den beiden geschilderten Klogeschichten – in 15 Minuten Hilfe da ist. Völlig kostenlos und unbürokratisch. Ein Danke, ein Händedruck und ein Lächeln sind alles. Und nicht einmal die sind irgendwo vorgeschrieben (natürlich würde ich nie darauf kommen, sie nicht zu tätigen). Ich muss nichts weiter erklären, bis dann jemand Entsprechendes vor Ort ist. Sie kommen einfach. Und zwar in jeden Winkel unseres Landes, durch jede Tür. Das bei uns hier in Deutschland und weiten Teilen Europas ist purer Luxus, fast schon Dekadenz. Aber eine Dekadenz, die ich sehr zu schätzen weiß. Danke, liebe Polizei, liebe Feuerwehr und liebes DRK – zum Glück brauchte ich euch noch nicht. Danke!