Während des Lateinstudiums muss man eine Exkursion machen. Die kann nach Sizilien, Spanien, Griechenland, die Türkei oder natürlich ins Festlanditalien gehen. Auch wenn man München nicht unbedingt direkt mit den Römern assoziiert, so lohnt es sich auch dort für den Lateiner (Umgangsform von Latinist), weil München eine der weltgrößten Antikensammlungen besitzt. Für mich waren für die Wahl dieses Exkursionszieles vor allem zwei Gründe ausschlaggebend gewesen. Erstens war sie mit drei Tagen recht kurz, ließ sich also bequem in die Examensvorbereitungsphase für Deutsch integrieren. Und zweitens wurde sie von meinem absoluten Lieblingsdozenten geleitet.
Auch wenn er gerne lamentiert, dass die Studenten immer weniger wüssten und er immer leichtere Klausuren stellen müsste, erklärt er wieder und wieder dasselbe Phänomen/Problem, ob in den Sitzungen, in seiner Sprechstunde, außerhalb seiner Sprechstunde oder per Mail extrem geduldig und profund. Auf Mails antwortet er im Minutentakt und unterschreibt sie mit einem warmen ‚Herzlich, Ihr XY‘, egal, wie kurz die darüberstehenden Zeilen sind. Für dieses Engagement verzeihen wir ihm ganz gerne seine beinharten Klausuren. Dass er jede Woche zwischen Tübingen und München, seinem Wohnort pendelt, ist gar nicht wirklich bemerkbar. Gut, vielleicht daran, dass er einen sehr gepflegten bayrischen Dialekt spricht.
Vorbereitungen für den Rollstuhl
Insofern war eine Exkursion nach München für ihn ein Heimspiel. Das merkte man ihm auch an, so perfekt wie alles geplant war. Aber auch andere hatten einiges geleistet, um mir diese Exkursion so zu ermöglichen. Im Juli des Vorjahres bekam ich eine Mail, ich solle doch bitte die nächsten Tage im Sekretariat der Altphilologie auftauchen. Mir den Kopf zerbrechend, was ich denn angestellt haben könnte, begab ich mich dort hin. Die Sekretärin klärte mich auf. Die Chefin des Hauses würde gleich dazu kommen, damit wir zu dritt die Exkursion vorbesprechen könnten. Da es in Tübingen gerade mal zwei, drei Hände voll Lateindozenten gibt, ist das jetzt nicht der Renner, wenn man auf deren Chefin trifft, die ja mit der Exkursion nichts zu tun hatte. Aber dann…
Die folgenden Minuten rührten mich sehr. Ob ich mit dem Reisebus normal mitfahren könne, ob eine Jugendherberge für mich vorstellbar sei. Ob ich eine extra Begleitung benötigte, ob U-Bahn und Bus ein Problem darstellten, wie das mit dem Klo funktionieren würde… Darum hatte ich mich selbst gefälligst zu kümmern. Was ich natürlich so nie gesagt hätte, aber dachte. Meine Achtung vor dieser Fürsorge wurde immer größer und wir gingen ihre Fragenliste Punkt für Punkt durch. Ich erklärte abschließend, dass ich schon weitaus Heftigeres als die bayrische Landeshauptstadt erlebt hatte und ich ihre Bemühungen sehr schätzte und dankbar dafür war, ich dennoch alles im Griff haben würde. So beeindruckt wie ich von der Nachdenklichkeit der beiden Damen war, so waren sie es offensichtlich von meiner Souveränität. In bestem Einvernehmen trennten wir uns.
Feucht-fröhlich-belehrend
Im Vorhinein zur Exkursion gab es einige Sitzungen, in denen wir Referate hielten. Unser Dozent wollte vermeiden, dass wir diese in den Museen bei den entsprechenden Sammlungen oder Kunstwerken zum Besten gaben. Wir lagerten einen Teil unseres Exkursionsprogramms also ins Vorfeld aus. Nebenbei verkündete er uns, dass wir neben einem ansprechenden Besichtigungsprogramm auch viel Zeit hätten, die kulinarischen und trinkbaren Seiten der bayrischen Landeshauptstadt zu genießen. Zu diesen Sitzungen waren wir wieder mal im schon mehrfach beschriebenen großen Übungsraum. Und neben den Studenten und auch Studentinnen – mit der Zeit bekommen da alle Routine – packte unser Stildozent selbstverständlich beim Heruntertragen in den Raum mit an.
Die erste Führung zu antiken Skulpturen bekamen wir vom Direktor der Antikensammlung persönlich – also nicht dem der Glyptothek, sondern dem Chef des Großen und Ganzen. Die Studienfreunde unseres Dozenten sind weitverzweigt. Und der Ex-Studienfreund machte das mit einer Begeisterung und einem unglaublichen Fachwissen, die uns massiv imponierten und seine Führung zu einer echten Perle machten. Nachdem diese Führung beendet war, gingen wir ins Hofbräuhaus. Das Bier floss in Strömen und die Stimmung war perfekt. Gott sei Dank stand nachts, just in dem Augenblick, da ich aufwachte, einer meiner beiden Zimmergenossen auf, um etwas zu trinken. Da ich einen ebensolchen Brand verspürte, reichte er mir gleich auch noch eine Wasserflasche; nachdem ich die auf einen Zug leergetrunken hatte, schlief ich selig wieder ein.
Praktisches Pinkel-Utensil?
Am nächsten Morgen hatte ich zwar keinen Kater, das habe ich noch nie geschafft. Etwas verplant, war ich dennoch – und meine Zimmergenossen wohl auch -, denn als sie mich die Treppen hinuntertrugen – ja, unser Zimmer war im zweiten Stock ohne Aufzug, wir mussten im ‚Frühstücksgebäude‘, das außerhalb des Haupthauses mit unseren Zimmern lag, noch einmal einige Stufen wieder nach oben -, schepperte irgendetwas. Mir schoss die Röte ins Gesicht, als mir klar wurde, dass das meine Urinflasche samt Halter war.
Dieser Halter ist eine prima Sache, weil ich ihn hinten in meinen Rollstuhl einhängen und so während der Nacht vollkommen entspannt vom Bett aus pinkeln kann. Der Halter und die Flasche wären noch nicht so schlimm gewesen, aber der Inhalt derselben schon. So bat ich einen der beiden, als wir den ersten Treppenabsatz hinter uns hatten, die Flasche oben auszuleeren und dann sie und den Halter im Zimmer zu lassen. Wie gesagt, der eine war wohl auch etwas verplant, denn er kam mit der leeren Flasche wieder herunter. Ich wollte ihn nicht noch mal schicken und so verbarg ich die Flasche unter dem Tisch. Ich verstaute sie anschließend in meiner Tasche, als wir wieder ins Zimmer gingen.
Mit Herzblut organisiert
Unser erster Programmpunkt für diesen Tag war der Thesaurus Linguae Latinae (Wortschatz der Lateinischen Sprache). Das ist ein Projekt, das sich dem Ziel verschrieben hat, jedes einzelne Lateinische Wort, das irgendwann in der Antike mal geschrieben wurde, in seinem jeweiligen Kontext und Bedeutung niederzuschreiben. Für jedes Wort gib es eine Karteikarte. Heute geht das digital, aber die alten Bestände füllen ganze Häuser. Das Projekt gibt es schon ein paar Jahrzehnte und ein Ende ist nicht in Sicht. Nur damit man mal sieht, womit sich Latinisten so beschäftigen können.
Ich will nicht mit dem weiteren Programm nerven. Es war eine perfekt durchorganisierte Sache und am Ende bedankte sich unser Dozent auch noch bei UNS. Naja gut, vielleicht wegen der Biere, die wir ihm am zweiten Abend spendiert hatten.