Umgangsformen

Was ich an dem eben gelobten Dozenten besonders schätze, ist seine Art, Mails zu schreiben. Bei ihnen habe ich immer das Gefühl von einer großen Wärme. Da ändert auch das Siezen nichts dran, gegen das ich nichts habe. Diese Nähe drücken auch die an der Uni (unter Philologen) gebräuchlichen Grußformeln „Lieber Herr X“ und „Herzliche Grüße“ aus. Wenn man sich nicht kennt, und erst recht an eine höhergestellte Person, schreibt man „Sehr geehrte Frau X“ und „mit freundlichen Grüßen.“ Die höhergestellte Person darf dann entscheiden, ab wann beide zum „Lieber Herr X“ und „Herzliche Grüße“ übergehen. Ich finde diese Sprachspielchen unglaublich faszinierend und wirkungsvoll und kann mir nach meinem Unileben auch einen inneren Kern bei diesen Formeln vorstellen; herzliche Grüße kommen von Herzen und können weit mehr Zuneigung ausdrücken als ein „bis dann.“

Stehen oder sitzen

Diese Form des Respekts und Kommunikation, vielleicht auch der Rollenverteilung, ist nichts Besonderes und erst recht nicht an meine Behinderung geknüpft. Aber andere Formen des Kommunizierens schon, vor allem die im direkten Gespräch. Da auch dort öfter mal Unsicherheiten herrschen, möchte ich ein paar Worte darüber verlieren. Es ist ja so, dass ich kleiner bin als die allermeisten. Das heißt, sie müssen herunterschauen, ich nach oben, wenn sie stehen. Die meisten bleiben einfach stehen. Finde ich prima, dann gibt es kein großes Hickhack. Manche gehen auch in die Hocke. Auch wenn ich das umständlicher als notwendig finde – und mir vor allem vorstelle, dass das auf Dauer ziemlich in die Beine geht -, ist das eine ganz besondere Art. Denn der- oder diejenige macht sich über die ‚von-Auge-zu-Auge‘-Gesprächssituation Gedanken und geht für mich vielleicht eine unangenehme Stellung ein. Dieses Entgegenkommen rechne ich hoch an.

Es wird kompliziert: Ich schätze das. In manchen Situationen finde ich es aber unpassend. Und bei manchen Personen macht es schlicht den Eindruck: „Oh, ich muss mich jetzt ‚politisch korrekt‘ verhalten und ihm auf Augenhöhe begegnen.“ Wenn ich diesen Eindruck habe, freut es mich nicht mehr so sehr. Weil es dann nicht mehr aus Zuneigung geschieht, sondern aus Zwang. Da ist es mir im Zweifelsfall lieber, die Leute bleiben stehen. Denn erstens bin ich es gewohnt, zu Leuten aufzublicken, das hat mich noch nie gestört.

Und zweitens hat es auch einen Vorteil, klein zu sein. Das mag seltsam klingen, aber ich fühle mich auf eine gewisse Weise geschützt und geborgen. Größe strahlt Kraft aus. Nicht, dass kleine Menschen das nicht können und auch nicht, dass ich nicht eine ganz eigene Kraft ausstrahlen könnte. Aber gegen diese ‚urzeitliche‘ Kraft der Größe habe ich absolut nichts. Das ist auch mit dem gemeint, was ich schon von Männern geschrieben habe. Größe wirkt schützend und borgend. Und manchmal kann ich sie mir auch zu Nutzen machen, wenn ich irgendetwas nicht erreiche oder Menschen mich schieben.

Hin- oder wegschauen

Noch viel wesentlicher als die Frage, in welcher Haltung Menschen mit mir sprechen sollen, ist vielleicht die Frage, wie und ob sie mich ansehen sollten. Damit meine ich natürlich nicht das Ansehen beim Gespräch. Sondern das, wenn sie sich meiner Andersartigkeit, meines Rollstuhls, vielleicht auch meines etwas verdrehten Körperbaus bewusst werden. Erwachsene machen das in aller Regel sehr professionell. Betrachten mich, machen in ihrem Kopf die Notiz „Rollstuhlfahrer“ und lassen mich dann meiner Wege und meiner Tätigkeiten (nach)gehen. Kinder wiederum sind da schon anders. Sie gucken gern mal mehrere Minuten mich und mein Gefährt an.

Ich schaue dann oft zurück, lächle sie an und frage sie manchmal nach ihrem Namen, um etwas Kommunikation in das Ganze zu bringen (ich denke gerade an eine Situation im Bus zur Uni). Denn mir und den Kindern wird es sonst langweilig – und den Eltern peinlich. Und immerhin wollen die Kleinen mich offensichtlich auf irgendeine Weise näher kennen lernen, also gebe ich ihnen einen ‚Kennenlernvorschuss‘. Dann schauen die Kinder meist ganz überrascht, etwas überfordert und ängstlich zu ihren Erzeugern. ‚Oh, ein Fremder hat mich angesprochen, Hilfe‘. Das meistern die Eltern oft sehr souverän und sagen: „Na, dann sag ihm doch wie du heißt.“ Dann sagen es die Kinder artig und auch ich stelle mich manchmal vor. Sie schauen mich weiter an, haben aber nicht mehr dieses Gefühl des völlig Unbekannten – so würde ich das zumindest interpretieren – und werden neugieriger.

Kinder fragen einfach

Manche der Kleinen gehen gleich aufs Ganze und fragen ihre Eltern – wenn ich sie nicht angesprochen habe, ich mache das ja nicht jedes Mal: „Was hat der Mann?“ Meistens werden sie damit zufriedengestellt, dass ich nicht laufen könnte. Soweit stimme ich dem auch zu. „Und warum nicht?“ Da kommen die Eltern schon mal in Erklärungsnot und beschränken sich auf „Seine Beine sind kaputt.“ Auch da stimme ich zu, denn kein Kind versteht, was es heißt, seine Beine zwar spüren und auch bewegen zu können, aber dennoch nicht des Laufens mächtig zu sein. Ist ja auch eine abstruse Vorstellung.

Wenn ich einmal selbst in die Lage gebracht werde, einem Kind meine Behinderung erklären zu müssen – was selten passiert, weil doch lieber Mama, Papa und Person X des Vertrauens danach befragt werden -, antworte ich gerne: „Weißt du, wenn du mich gegen das Bein trittst, dann spüre ich das und würde dich auch zurück treten können, könnte mein Bein aber nicht weit genug strecken.“

Nicht oft reicht es zu derartig ausführlichen Gesprächen. Manche der Kinder sind auch noch gar nicht in der Lage, irgendwen irgendetwas über mich zu fragen. Diese kleinen Knirpse schauen oft mit besonders großen Augen aus ihren Kinderwägen zu mir herauf. Und weil ich diesen großen Augen und den speckigen Gesichtern nicht widerstehen kann, muss ich sie einfach angrinsen. Sie grinsen zurück und zeigen ihre ersten Beißerchen. Dann ist das Eis gebrochen und die Kleinsten interessiert es überhaupt nicht mehr, in was für einem Gefährt ich sitze. Sie interessiert nur noch, welche Grimassen der da oben schneidet, um ihnen ein Lachen entlocken. Auch wenn ich das bei den ganz Kleinen tatsächlich nur mache, weil es nichts Schöneres gibt als ihr Lachen, kann ich doch auch ihnen zeigen, dass ich ein ganz normaler Mensch mit einigen Unterschieden bin.

Wie anders bin ich?

Zu der ‚Bedrohung‘, dass sie ein Fremder anspricht, kommt nämlich auch bei den etwas größeren Kindern – und sicher auch manchem Erwachsenen – das große Erstaunen, dass ein Mann, der offensichtlich etwas Elementares wie das Laufen nicht kann, etwas anderes Elementares kann, das Sprechen. Sie merken intuitiv ‚ah, ich muss mich gar nicht so anders verhalten, denn wir können ja miteinander reden. Der ist nicht völlig anders als ich, er kann nur eine Sache nicht, die ich kann‘.

Aus irgendeinem Grund gehen wir Menschen davon aus und in dieses Wir schließe ich mich mit ein, dass jemand, dem eine grundlegende Fähigkeit fehlt, “wahrscheinlich so einiges mehr fehlt.“ Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Wie wir mit dem Objekt, das uns so interessiert, weil es so aufregend anders ist, in Kontakt treten können. Das erklärt vielleicht auch das Anstarren von Kindern: Sie wollen herausfinden, was es damit auf sich hat und sie würden gerne wissen, wie sie mit dem sich ungewohnt bewegenden Mann in Kontakt treten können. Also inspizieren sie und warten auf ein Zeichen, dass dieser Mann nicht gar so unmenschlich ist, wie er momentan scheint. Dieses Denken ist zwar unlogisch, aber wie gesagt nehme ich mich da nicht aus.

Andersartigkeit annehmen

Und mir geht es nun darum, diese Scheu zu überwinden, von Erwachsenen wie von Kindern und Babys. Zu zeigen, dass ich trotz meiner Andersartigkeit ein normaler Mensch bin. Ich habe überhaupt nichts dagegen, angestarrt zu werden, denn dann stellt sich mein Gegenüber die richtigen Fragen. Und es lässt prinzipiell die Möglichkeit zu, dass Andersartigkeit nicht nur anders, seltsam – und bedrohlich ist, wie es etwa Rassisten empfinden mögen, die sich oft gar nicht mit dem Gegenüber des Hasses beschäftigen wollen.

Weil es ja sein könnte, dass das Gegenüber gar nicht so anders ist und erst recht nicht für ihre eigene Misere verantwortlich zeichnet… – sondern auch interessant, bereichernd und gar nicht so anders. Indem ich nun andere anspreche, baue ich die erste Barriere ab, beuge Abschottung vor. Es ist normal und völlig in Ordnung, dass Andersartigkeit zunächst irritiert und Unsicherheit hervorruft. Aber der kann ich begegnen. Und das kann ich nur, wenn ich signalisiert bekomme, dass Interesse da ist. Insofern ist Anstarren sehr nützlich.

…und überwinden?

Erwachsene starren mich zwar nicht an, aber auch sie stellen sich zum Teil dieselben Fragen. Wenn wir dann eine Weile geredet haben, kommen diese Fragen manchmal von alleine – oder es wird festgestellt, dass sie vollkommen irrelevant sind. Indem ich den Leuten und vor allem (kleinen) Kindern einen Vertrauensvorschuss gebe, will ich nicht etwa davon ablenken, dass ich im Rollstuhl sitze. Ich will zeigen, dass ich mit (nicht trotz) meinem Gefährt normal bin und in fast allen Dingen genauso mitmachen kann, genauso hart und heftig angefahren werden darf. Auch wenn ich mich natürlich freue, wenn es freundlich bleibt! Und ich will zu mehr Fragen ermuntern. Ja, man darf mich alles fragen! Ich kann immer noch entscheiden, ob ich darauf antworten will.

Je früher Menschen merken, dass teilweise Andersartigkeit nicht bedeutet, dass der Betreffende oder Betroffene an sich abnorm ist, desto unbefangener gehen sie damit um. Und sehen eher das Potential als die Schwächen in einem Andersartigen. Das ist, nebenbei bemerkt, ein wesentlicher Grund für mich Lehrer zu werden – nicht etwa, weil ich selbst so viele schlechte Erfahrungen gemacht hätte und diese anderen ersparen wollte, sondern weil ein Leben ohne Berührungsängste so viel mehr Spaß und Freude macht!