Wahrnehmung durch andere im Rollstuhl

Eine Freundin fragte mich einmal: „Passiert es dir in der Uni, dass Leute dich nicht für voll nehmen?“ In der Uni ist mir das noch nicht passiert. Ich denke, dass die Leute vermuten: ‚Na, wenn er schon an der Uni sitzt, dann wird er es auch irgendwie draufhaben‘. Und spätestens, wenn ich den Mund aufmache, weiß jeder, dass ich für voll genommen werden kann. In der Uni werde ich auch nie irgendwie so angesprochen, dass ich das Gefühl bekomme, mein Gegenüber schätzt mich irgendwie minderbemittelt ein.

In der Schule auch nicht. Nur meine Erdkundelehrerin in der fünften Klasse übertrieb es vielleicht. Sie kopierte mir die Blätter nicht nur größer, damit ich nicht alles hineinquetschen oder ausschneiden musste, sondern folierte sie auch noch aus mir unbekannten Gründen. Das Größerkopieren war mir in der Unterstufe eine Hilfe. Wobei ich irgendwann aufhörte, innerlich zu jammern und einfach kleiner schrieb oder auf dem Laptop. Aber ich glaube im Falle meiner Erdkundelehrerin definitiv nicht, dass sie mich für minderbemittelt hielt. Sie hatte bestimmt einen freundlichen Hintergedanken beim Folieren, den ich nur nicht nachvollziehen konnte.

Wahrnehmung korrigieren

Auf der Straße oder sonstwo unterwegs ist mir es schon ein paarmal passiert, dass mich Leute nicht auf Anhieb richtig einschätzen konnten. Einmal war mir ein Mann beim Überqueren einer großen Straße behilflich. Auch wenn ich mein Anliegen in eher überdurchschnittlich schnellem Redefluss vorgebracht hatte, sprach er immer sehr langsam. Eindeutig so wie einer, der sich bemüht, sich gegenüber einem Schwerhörigen, einem Ausländer oder einem verwirrten Senior besonders zuvorkommend auszudrücken. Auch seine Wortwahl war sehr eingeschränkt, wohl um mir das Verstehen zu erleichtern. Ich antwortete ihm zweimal in völlig normaler Artikulation und Geschwindigkeit. Doch ihn schien das nicht zu überzeugen und so ließ ich ihn im Glauben und bedankte mich herzlich.

Ich weiß, dass ich nicht minderbemittelt bin und muss das niemandem beweisen. Er oder sie wird das dann schon schnell genug merken, wenn es darauf ankommt. Und neben mir wissen das noch einige andere Menschen. Was soll es mich da jucken, wenn mir Menschen manchmal Hilfe anbieten, wo ich sie absolut nicht nötig habe? Ich habe nichts dagegen, wenn jemand mir eine Tür aufhält, einen Stuhl beiseiteschiebt und so weiter. Ich empfinde das nicht als Bevormundung oder gar Demütigung, sondern als Aufmerksamkeitsbeweis. Da stört es mich auch nicht, wenn man mir eine Handlung versehentlich abnimmt, im Glauben, ich könnte sie nicht selbst ausführen.

Ich muss natürlich zugeben, dass ich durch die Sprache über eine prima Möglichkeit verfüge, meine Intelligenz zu zeigen. Wo eine solche Möglichkeit fehlt, ist es schwierig. Ich habe neulich den Film Die Entdeckung der Unendlichkeit gesehen. In ihm geht es um den brillanten Physiker Stephen Hawking, der nicht mehr sprechen kann, weil ihm eine Krankheit Teile seiner Muskelkraft geraubt hat. Er sprach elektronisch über einen Computer und galt vielen als klügster Mensch der Welt.

Die Sprache – Botschaft auf mehreren Ebenen

Einer meiner Autoren für das Deutschstaatsexamen hat mich sehr nachhaltig beeindruckt: Paul Celan. Der 1920 im heutigen Rumänien geborene Dichter wuchs in einer jüdischen Familie auf, gesprochen wurde Deutsch. Seine Eltern wurden in den 40er Jahren in Konzentrationslager verschleppt und getötet. Celan selbst entging zwar der Deportation, weil er sich versteckte, die Schuldgefühle, seine Eltern und besonders seine Mutter im Stich gelassen zu haben, saßen tief.

Von dieser Schuld, aber auch vom Tod der Eltern, dem Tod vieler Tausend Juden und vor allem dem Tod der Sprache, die nicht über das unvorstellbare Grauen und Erleben schreiben kann, handeln seine Gedichte. Für Celan war Deutsch, die Sprache, die er erlernt hatte, seine Muttersprache, zur Mörderin seiner Mutter geworden. Und weil er sich nun einmal in dieser Sprache dichterisch auszudrücken pflegte, bestand sein dichterisches Schaffen immer auch im Aufzeigen dieser Ambivalenz.

Nun bin ich kein Dichter. Aber ich würde mich als Freund der Literatur bezeichnen. Ich sehe den Auftrag und Sinn meines Schreibens darin, dass das Gute stets siegt, dass der Mensch eben nicht grundsätzlich böse ist; und dass man alles mit einer gehörigen Prise Humor sehen darf. Natürlich will ich damit überhaupt nicht Celans Ruhm und Ansehen schmähen. Und erst recht nicht sein Schicksal klein reden. Er hat meisterlich über das Unaussprechliche, das Grauen geschrieben, versucht, im Schreiben all sein Leid aufzuarbeiten. Leider hat er sich, so würde ich vorsichtig anmerken wollen, eher immer tiefer darin verstrickt. Gewisser Maßen will ich dasselbe, ich will mein Schicksal im Schreiben aufarbeiten.

Was ist meine Botschaft?

Aber nicht mein Leid, sondern meine Freude. Ich könnte auch das Leid zu meinem Thema machen, aber ich finde wenig davon und ich habe mich bewusst gegen das entschieden, was ich finden könnte. Auch ich scheitere bisweilen wie Celan an der Unzulänglichkeit unserer Sprache, weil sie nicht die Gefühle und Stimmungen, meine Anliegen, meine Freude ausdrücken kann. Aber sie verstummt nicht, sondern sie ist ein mächtiges Mittel, das Schöne darzustellen. Und wie man schon gemerkt haben dürfte, schreibe ich nicht in Versen, sondern in Prosa – was Gott sei Dank bei weitem nicht so schwer ist.