Manchmal habe ich ein Problem: Ich habe schon mehrfach geschrieben, dass ich mich immer über Hilfsangebote freue. Nur will und kann ich sie nicht immer annehmen. Nicht etwa, weil das meine persönliche Ehre verletzen würde oder ich mir etwas beweisen will, sondern weil es absolut unnötig oder mit erhöhtem Aufwand für den anderen verbunden ist… Dennoch soll mein ‚Anbieter‘ immer das Gefühl haben, dass ich sehr wohl wertzuschätzen weiß, was er da anbietet und ich mich auch über weitere Hilfsangebote freuen würde. Das zu formulieren ist sehr schwer. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Mailaustausch zwischen unserem Münchener Dozenten und mir, der im Vorfeld unserer Exkursion stattfand.
Eine besondere Mail
Lieber Herr Schmidt,
Ich habe bezüglich der Exkursion noch eine spezielle Information für Sie. Es hat sich herausgestellt, daß die besuchten Museen teilweise (v.a. Glyptothek und Antikensammlung) nicht unbedingt barrierefrei zugänglich sind. Es gibt zwar entsprechende Hintereingänge mit Aufzügen, aber wahrscheinlich werden wir mit vereinten Kräften die paar Treppenstufen am Eingang schon bewältigen. Wichtiger ist vielleicht, daß es leider weder in der Glyptothek noch in den Antikensammlungen ein behindertengerechtes WC gibt. Es gäbe aber im Notfall in einigen Institutsgebäuden in der Nähe solche WCs. Zum Thesaurus Linguae Latinae (der sich im Dachgeschoß der Residenz befindet) kann man zwar mit einem Aufzug hochfahren, aber bis zu diesem Aufzug sind es wiederum ein paar Stufen. Auch diese sollten wir bewältigen können. Wie es dort mit Behinderten-WCs aussieht, weiß ich noch nicht. In der Staatsbibliothek muß ich diesbezüglich auch erst noch nachfragen.
Ich wollte Ihnen dies nur vorsichtshalber schon rechtzeitig sagen.
Herzliche Grüße,
Ich hatte ihn mit keiner Silbe darum gebeten, sich derlei Gedanken zu machen. Ich war sehr gerührt, wusste aber ja, dass das alles vollkommen problemlos klappen würde und er sich keine Sorgen machen brauchte. Seine Sorgen wertzuschätzen, dankbar dafür zu sein, aber dennoch die Sorgen selbst zurückzuweisen, habe ich in folgender Antwort versucht.
vielen Dank für Ihre Mail mit den ausführlichen Infos, die Sie [separat] an alle geschickt haben.
Und allerherzlichsten Dank für diese Mail an mich! Das ist mehr als aufmerksam. Machen Sie sich keine Gedanken, wir werden das schon managen. Solange die Türen der Toiletten breit genug sind, brauche ich keine extra behindertengerechte Toilette.
Ich bin der festesten Überzeugung, dass das alles funktionieren wird; dennoch herzlichen Dank für Ihre Mühen bisher.
Sollten Sie wiederum Rückfragen haben, zögern Sie bitte nicht, mich anzuschreiben.
Herzliche Grüße
Wie mit eingeschränkten Menschen umgehen
Mir ist klar, dass das keine mustergültige Formulierung ist. Sie ist ein Beispiel, ein Ansatz, ein Versuch aus der konkreten Praxis. Aber ich halte diese Problemstellung für höchst relevant. Denn eine der beliebtesten Themen, wenn ich mit – recht unbekannten – Leuten spreche, ist: „Ich will meine Hilfe ungern anbieten, weil ich Angst habe, ihm/ihr auf den Schlips zu treten.“ Einigen passiert das wohl immer wieder, dass sie Ablehnung oder gar böse Worte zu hören bekommen, wenn sie Hilfe anbieten.
Liebe Menschen, die ihr öfter Hilfsangebote bekommt, vielleicht, weil ihr wie ich eingeschränkt seid, und das nicht wollt. Niemand will euch etwas Böses oder euch Unfähigkeit unterstellen.
Ich jedenfalls fühle mich überhaupt nicht auf den Schlips getreten, wenn ich Hilfe angeboten bekomme. Ich meine pragmatisch, dass ich es mir leichter machen kann, wenn es geht. Und wenn ich mal etwas alleine machen will, dann kann ich das sagen, aber eben, wie im Antwortschreiben an meinen Dozenten skizziert, mit einer Bejahung der Hilfe an sich. Bemitleiden muss mich niemand, denn ich bin sehr zufrieden.