Das Alter – eine Chance

Ein sehr wesentliches Erlebnis, war für mich der Besuch im Altenheim bei uns am Ort. Natürlich war ich schon zuvor in Altenheimen gewesen. Diesmal ging es jedoch nicht darum, einen mir bekannten Menschen zu besuchen. Sondern ich ‚unterhielt‘ zusammen mit einer Freundin und deren Mutter die Damen und Herren; wir sangen Lieder. Noch beeindruckender als die Sensibilität, die wir dabei an den Tag legen durften – ich meine ein langsameres Tempo, eine tiefere Tonlage und Achtgeben darauf, dass die, die es wollten, die richtige Seite im Liederbuch parat hatten – fand ich das, was im Anschluss an das Singen geschah.

Sichtweisen auf den Rollstuhl

Meine Bekannte zeigte mir das Haus und stellte mir einige der Menschen vor. Sie waren ganz offenbar fasziniert davon, dass ich ein so normales Leben hatte, mit Studium, Singen, Theater, vielen Freunden und Freude und Spaß. Mir wurde erst nach einer Weile klar, dass für sie ein Rollstuhl alles andere ist als Lebensfreude und positiv. In den Rollstuhl kommen, so drückte es treffend die Mutter meiner Bekannten aus, diejenigen, bei denen nach vielen Sinnen nun auch noch die Beine nachlassen. Es geht aufs Ende zu. Mehrfach wurde ich damit konfrontiert, wie arm dran ich sei, dass ich schon so jung so schwer getroffen sei. Ich hatte das Gefühl, dass sie in den paar Stunden, als ich dort war, weit schwerer an meinem Schicksal knabberten als ich in meinem ganzen Leben.

Die andere Seite war die schon besprochene, dass ich es besser hätte als sie, weil ich es ja nicht anders kannte. Immer wieder erklärte ich, was mich umtrieb, wie viel Freude mein Leben mir bereitete und wie wohl ich wusste, wie anders das Leben von Läufern ist. Die meisten stimmte das doch irgendwie nachdenklich und sie waren noch faszinierter von mir. Nebenbei bekam ich die unterschiedlichsten und beeindruckendsten Lebensläufe zu hören.

Gefesselt?

Einen der Herren, den wir am Ende in seinem Zimmer besuchten, werde ich tief im Gedächtnis behalten. Er lag in seinem Bett und schien tief deprimiert. Bis vor einigen Jahren war der etwa 65-jährige kerngesund gewesen, hatte im großen Familienbetrieb, Haus und Hof das Sagen gehabt. Wo es nur ging angepackt. Doch dann wurde er an der Wirbelsäule verletzt. Nur unter monatelangem Training gelang es ihm, seine Hände wieder für gröbere Arbeiten zu gebrauchen. Ansonsten ist er ans Bett gefesselt. Er, der ein richtiger ‚Zupacker‘ war. Die Mutter meiner Bekannten stellte mich ihm vor. Sie wusste, dass er nicht nur deprimiert, sondern richtiggehend depressiv war. Sie hatte mich gebeten, ihm davon zu erzählen, wie lange ich gebraucht hatte, um bestimmte Tätigkeiten zu erlernen und meinen Körper einigermaßen zielführend zu gebrauchen.

Das tat ich und unterhielt mich mit ihm auch über die Fortschritte, die er schon gemacht hatte. Den Willen beziehungsweise Nichtwillen, noch weitere Fortschritte anzustreben. Ich glaube nicht, dass ich an seiner für ihn verzweifelten Lage etwas Grundlegendes verändern konnte oder er sein Leben aus einem völlig anderen Blickwinkel sehen kann. Aber wenn es mir gelungen ist, ihm einen winzigen Strahl Hoffnung zu schenken, bin ich froh. Wenn ich den Menschen im Altenheim zu einem kleinen Teil vermitteln konnte, dass Hilfsbedürftigkeit und Schwäche nicht der Untergang, sondern etwas Erfüllendes sind, ist meine Botschaft angekommen.