Blindheit?

Ich war zu Beginn des Praxissemesters in einem Theaterstück, das mich nachhaltig beeindruckte, zum Nachdenken brachte und einen nicht geringen Teil dazu beitrug, dass ich mich entschloss, dieses Buch zu schreiben. Molly Sweeney von Brian Friel beleuchtet das Schicksal einer jungen Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Kleinkindalter fast erblindete und danach nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden kann. Molly und ihr Mann geraten an einen Augenspezialisten, der zum Versuch bereit ist, Molly wieder einen Teil ihrer Sehkraft zurückzugeben.

Das Stück beginnt damit, dass Molly erzählt, wie sie sich als blindes Mädchen die Welt der Pflanzen erschloss. Durch Erfühlen. Für sie stellt dieses Erfühlen eine Dimension dar, die anderen rätselhaft erscheint. Oder unzuverlässig. Für Molly ist sie jedoch so zuverlässig, dass sie, als sie später im Stück etwas mehr sehen kann, die Blumen nicht anhand ihrer auffallend roten Farbe zu beschreiben versucht, sondern sie allein aufgrund der einzelnen Strukturmerkmale identifiziert.

Eine Lebenseinstellung

Natürlich bin ich nicht blind und mir fehlt kein Sinn, der mich zwingt, die Welt in anderen Sinnen zu ordnen – weit effektiver als es die eigentlich dafür gedachten Sinne vermögen, wie es Molly an diversen Stellen beschreibt -, aber ich sehe einige Paralellen zwischen ihr und mir.

Molly meint über das Schwimmen, dass sie mehr Freude daran habe, als jeder Sehende haben könne. Sich einfach der Erfahrung hinzugeben – jede Pore geöffnet und bereit für eine Welt reiner Empfindung und nichts als Empfindung – Empfindung, die durch Sehen nicht verstärkt werden könnte…

Ersetzt man das Wort ‚Schwimmen‘ durch ‚im Rollstuhl sein‘, erhält man meine Lebenseinstellung. Auch wenn bei mir Berührung in einem anderen, ungleich stärkeren, Sinn als bei Molly zu verstehen ist.

Auch ich habe oft das Gefühl, dass ich Dinge durch meine Behinderung in Dimensionen wahrnehmen kann, die Läufern verborgen bleiben. Keine Banalitäten wie Bordsteinkanten, wie es viele meinen, oder Barrieren im Allgemeinen. Auch nicht die Tatsache, dass mein Rollstuhl anders als mit den Beinen betrieben wird oder dass ich jedes Steinchen auf einem Weg spüre. Ich meine natürlich die Zwischenmenschlichkeit. Ich würde es nicht so drastisch formulieren wie Molly, dass andere das gar nicht wahrnehmen können. Aber Molly und ich brauchen diese andere Dimensionen und deshalb sind sie bei uns ausgebildeter.

Ein sechster Sinn

Im Grunde bekomme ich einen Sinn geschärft. Und das macht allemal wett, dass mir das Laufen und so einige Beweglichkeit genommen wurden. Denn ich scanne meine Umgebung die ganze Zeit. Immer halte ich Ausschau danach, ob und wie Menschen in meiner Umgebung mir helfen können. Auch wenn ich gerade überhaupt keine Hilfe benötige; es ist einfach ein automatischer Reflex.

Ich möchte ein kleines Beispiel geben: wenn ich in der Nähe meines chinesischen Lieblingsrestaurants aus dem Bus steige, schaue ich mich gleich um, ob es Menschen gibt, die in dieselbe Richtung laufen, sodass ich sie mir als Schieber schnappen kann. Nacheinander gehe ich alle Menschen durch, die mir in die Augen fallen. Der eine ist zu schwach, der nächste hat genug an sich selbst zu schleppen, die dritte ist eine Frau, der vierte hat Kopfhörer im Ohr und hört sowieso nichts, der fünfte eilt so schnell, dass er auf keinen Fall bereit sein dürfte, mitzuhelfen. Aber beim sechsten habe ich Glück – er ist jung, gesund, kräftig und kopfhörerlos.

Wenn er mich dann schiebt, schaue ich gleich weiter, denn immerhin muss ich ja die Treppe zum Restaurant nach oben kommen. Und dort laufen wieder dieselben Prozesse ab. Das ist natürlich alles nicht besonders aufregend. Aber da ich Menschen ständig durch ein Raster durchlaufen lassen muss, läuft dieses Raster immer mit und ermöglicht mir, Menschen auch auf ganz andere Dinge vollkommen automatisch zu checken. Ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihre Wünsche. Auf gut Deutsch: Ich kenne Menschen in einem Maße, wie es sonst wenigen möglich sein dürfte. Im Gegenzug dafür, dass ich mir Menschen nach Hilfsmöglichkeiten aussuchen kann, kenne ich auch sie ein Stück weit.

…der sehr weit gehen kann

Und das bedeutet unter anderem, dass ich mich auch dann traue, Menschen um Hilfe zu fragen, wenn es gar nicht meinen Rollstuhl geht, sondern um vollkommen normale Fragen des Lebens und vielleicht auch „psychische Bedürfnisse“. Ich spüre einfach ganz stark, wen ich bei was fragen kann. Und da ich mich traue, meine Mitmenschen zu fragen, ob sie mir helfen, traue ich mich auch zu fragen, ob ich Ihnen vielleicht helfen kann. Das gilt natürlich vor allem für Freunde. Aber wie schon geschrieben, habe ich oft schon Lebensgeschichten anderer Menschen gehört, einfach weil wir gemeinsam eine Strecke gegangen sind, eine Treppe überwunden haben oder sonst irgendetwas. Diese Dimension kennen Läufer nicht.

Es gibt übrigens auch eine Kehrseite dieser Dimension: Manchmal sehe ich Dinge in Menschen, die ich dort gar nicht sehen will. Noch schlimmer ist es, wenn ich den Menschen dann aus Hilfsbereitschaft heraus spiegle was ich Ihnen sehe. Ich habe zwar zu 90 % recht, wie sie mir bestätigen, aber ihnen ist das überhaupt nicht recht, was ich mit ihnen anstelle. Das bekomme ich öfter mal direkt gesagt. In aller Regel bin aber sowohl ich als auch die anderen froh über meine zusätzliche, ausgebildetere Wahrnehmungsdimension.

„Du kennst es ja nicht anders“

Ich bin, und auch das beschreibt Molly eindrücklichst, meine Wahrnehmung gewohnt und will sie gar nicht eintauschen. Wenn die Operation von Mollys Augen wie geplant funktionieren würde, hätte sie Angst, Leute nie mehr auf dieselbe Weise zu kennen mit ihrem eigenen, speziellen Wissen von ihnen. Ohne dieses spezielle Wissen könnte sie Menschen nie mehr so nahe sein. Ich kann auch laufen und noch dazu so intensiv menschliche Nähe genießen. Aber auch Molly kann theoretisch sehen und die Welt über taktile Eindrücke wahrnehmen. Und dennoch glaubt sie, und das kann ich nachvollziehen, dass der taktile Sinn verloren ginge, wenn der visuelle zurückkehrte.

Auch wenn ich gegen eine Operation nichts einzuwenden hätte – aber wenn schon bitte richtig, also mit voller Lauffähigkeit! – will ich ungern auf meine diversen Vorteile, die meine Behinderung mitbringt, verzichten. Diese liegen, wie mehrfach geschildert, vor allem im Zwischenmenschlichen, aber auch im ganz Praktischen.

Von oben herab

Ich reagiere innerlich nicht gerade mit Glücksgefühlen, wenn mir Leute eröffnen, dass sie für mich beten, hoffen und so weiter, dass ich meine Behinderung ablege. Das Störende ist nicht der Wunsch an sich, sondern die Überheblichkeit, die mitschwingt. Unterschwellig behaupten sie immer ein Stück weit, es ginge mir nicht gut. Und das ist schade. Denn es stimmt nicht. Auch wenn sich andere dabei wohlwollend vorkommen, glauben sie, dass sie viel besser über mich Bescheid wissen als ich und den besseren Lebensplan für mich haben. Und wenn ich es übertreiben will, dann sehen die Leute ein Stück weit auf mich hinab und belächeln mich.

Ich habe zwar vielleicht keine hundertprozentige Ahnung, wie es sich als Läufer anfühlt. Aber Läufer noch weniger, was in mir vorgeht. Ein dezentes inneres Aufseufzen bei Äußerungen über ‚mein Leben‘ und ein Lächeln kann ich bei mir nicht immer vermeiden.

Weil ich mich bei Läufern so gut auskenne, denke ich wie gesagt auch in deren Kategorien. Und es ist für mich sehr befremdlich, von Menschen in eigene Rollstuhlfahrer-Kategorien gesteckt zu werden. Weil ich in denen nicht denke.

Das heißt übrigens alles nicht, dass ich es nicht auch äußerst spannend fände, einen Ausflug in die Welt der uneingeschränkten Menschen zu unternehmen. Und dann heimzukehren in meine eigene Welt, mit all diesem kostbaren Wissen für immer in mir. Ich glaube nicht, dass ich in Depressionen verfallen würde, wenn ich laufen könnte, was Molly nämlich nach der „Genesung“ tut. Ich könnte vielleicht auch trotzdem meine Lebensphilosophie aufrechterhalten. So kann ich es aber viel überzeugender und authentischer. Ich lade noch mal alle Leser ein, einen Bruchteil von meinem Fühlen nachzuempfinden, sich den anderen Menschen zu öffnen. Denn der Schatz, der dahinter steckt, geht alle etwas an, tut allen gut, und ist heilsam.