Eine Männerfreundschaft

Während meines Praxissemesters freundete ich mich mit Yannick an. Unsere erste gemeinsame Aktion war der Besuch eines Poetryslamabends. Auch wenn der Abend ganz gut war, erwähnenswert ist etwas anderes: Ich musste aufs Klo. Da ich keine Flasche dabei hatte, wurde es per se schon komplizierter. Und dann war der Kloraum auch noch winzig klein und wie ein langer Schlauch, ich hatte also keine Chance, mich umzudrehen oder dergleichen. Nachdem Yannick mich die Treppen hinuntergeschoben hatte, allein wohlgemerkt, und die Lage inspiziert hatte, sagte er nur: „Halt dich mal an mir fest“ und ließ den Rollstuhl vor dem Klo stehen.

Er trug mich hinein und hielt mich fest, während ich mir die Hosen herunterzog. Dabei schaute er höflich über die Schulter, um meine Scham auch ja nicht zu verletzen. Dann setzte er mich aufs Klo. Dummerweise hatten wir vergessen, den Klodeckel hochzuklappen. „Ich setz dich mal kurz auf dem Boden ab, ich bin zu faul, dir jetzt erst wieder in die Hosen zu helfen und dich dann in den Rollstuhl und dann wieder auf die Schüssel zu heben, bloß wegen des Deckels“ „Wenn du mich vom Boden hochbekommst“ „Wie viel wiegst du?“ „Knappe 60“ „Na, dann wiegst du halb so viel wie meine Hanteln heute Morgen.“ Dazu muss ich, denke ich, nichts sagen.

Eine tragfähige Freundschaft

Yannick ist neben seinem Englisch- und Physiklehrerstudium. Ruderer. Und da er fleißig trainiert, stelle ich für ihn ein Fliegengewicht dar. Und im Gegensatz zu meinen schon erwähnten und hochgelobten Rentnern habe ich bei ihm auch keinerlei Hemmungen, ihm mein volles Gewicht aufzubürden.

Das war ein andermal ganz wörtlich vonnöten: Wir trafen uns bei einem weiteren Mitpraktikanten. Der wohnte im achten Stock ohne Aufzug. Das Treppenhaus war außerdem so eng, dass man meinen Rollstuhl definitiv nicht ohne weiteres hätte um die Ecken bugsieren können. Nachdem wir eine Weile überlegt hatten, nahm Yannick die Sache in die Hand beziehungsweise legte mich über seinen Rücken. Und dann marschierte er in den achten Stock. Ein anderer Mitpraktikant trug den Rollstuhl nach oben, mit dem ich mich, während ich über Yannicks Rücken hing, unterhielt.

Gedanken zum Getragenwerden

Einem anderen Menschen auf dem Rücken sitzen, und von ihm völlig sicher getragen zu werden, ist ein wunderschönes Gefühl. Alle Menschen bekommen als Baby dieses Gefühl: Sie liegen auf Papas Bauch, liegen an Mamas Brust; sie werden von allen umarmt, geknuddelt, geliebt. Bei den Erwachsenen verläuft sich das meistens. Doch es geht ja nicht nur um die körperliche Ebene der Zuneigung.

Wenn ich jemanden bitte, mir eine Tür aufzumachen, und er das dann tut, ist das eine Kontaktaufnahme. Eine Kontaktaufnahme, die mir zeigt, dass ich beachtet werde, dass ich gemocht werde. Ich habe den Luxus, dass ich viel einfacher und viel öfter um Hilfe fragen darf ohne komisch angeschaut zu werden, weil ich das doch auch eigentlich alleine können müsste… Das macht glücklich. Ich gehe sogar so weit, dass ich um Hilfe frage, wenn ich diese gar nicht unbedingt benötigte; es geht dabei um Kontaktaufnahme und gegenseitigen Austausch. Ich darf um Hilfe fragen, wo es vielen anderen längst verwehrt ist.

Yannick im Besonderen, Männer im Allgemeinen

Ich kenne keinen anderen Menschen, der mich mit so viel Respekt und Zuvorkommen behandelt, aber so, dass es einfach freundlich wirkt, wie man sich das bei einer Freundschaft eben vorstellt, wie Yannick – na gut, mein Zivi aus der sechsten Klasse vielleicht. Umgekehrt hat er auch von mir viel Respekt eingefahren. Generell möchte ich ein kleines Loblied über mein eigenes Geschlecht anstimmen, wie eben schon angefangen. Männer, von meinem Vater angefangen, über Zivis, Freunde, Fremde und Yannick, geben mir ihre Kraft. Ihre Physis. Ihre Bewegungen. Und ermöglichen mir so Höhenflüge. Liebe Damen, nicht falsch verstehen. Auch ihr ermöglicht mir ganz vieles und ich komme genau deswegen mit euch so gut und normal zurecht, besser als so mancher Kerl und bin euch in so manchen Punkten sehr ähnlich. Aber Herren strotzen vor dem, was mir fehlt, und geben es mir im absoluten Überfluss.