Im folgenden Semester, meinem siebten, absolvierte ich mein Praxissemester. Dreizehn Wochen, von Schuljahresbeginn bis Weihnachten, war ich also an einer Schule in Tübingen und durfte schon mal ein wenig vorkosten. Auch damit ich gegebenenfalls bei meiner Berufswahl früher die Notbremse hätte ziehen können – oder beobachtende Lehrer.
Nur so viel: Ich musste einsehen, dass mir das Lehrersein nicht einfach zufliegt, so wie es Gott sei Dank Vieles tut. Ich hatte immer gedacht, das würde ‚schon so‘. Dass das nicht der Fall war, bekam ich einige Male auch sehr deutlich gesagt, was mich natürlich zunächst verletzte, aber dann daran arbeiten ließ. Abgesehen davon merkte ich, dass in meinem Unterricht einiges anders lief.
Und meine eigene Handschrift schimmert durch
Ich band von Anfang an die Schüler mehr mit ein als es wahrscheinlich die meisten anderen Lehrer taten. Nicht weil ich wollte, sondern weil es sein musste. Ich ließ die Schüler an die Tafel schreiben, ja nach meinen Vorgaben ein Tafelbild erstellen, Folien ausfüllen, den Tageslichtprojektor richten. Bat sie, mir die Jacke anzuziehen, was ihnen großen Spaß machte und eine besondere Beziehung erfahren ließ. Ich blieb der Lehrer und brachte den Schülern etwas bei, war aber gleichzeitig auch auf sie angewiesen, was die Schüler als positiv empfanden.
Wenn die Klassen mich kannten und wussten, dass ich, sei es zur Hospitation oder eigenem Unterricht, vorbeikommen würde, räumten sie die Tische und Stühle so zur Seite, wie ich es brauchte, um durchzukommen. Auch die Fünftklässler, wenn auch mit etwas mehr Anleitung zugegebenermaßen.
Aufgeschmissen?
Ein Erlebnis blieb mir vom Praxissemester besonders im Gedächtnis. Ich sollte in der ersten Stunde eine siebte Klasse in Deutsch unterrichten. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Schule streikte plötzlich mein Vorderrad. Das geschieht, wenn sich zu viele Haare hineinwickeln und die Lager der Räder zerstören. Und mit zerstörten Lagern komme ich gar nicht mehr voran. Ich rief also im Sekretariat an und bat die Damen, auszurichten, dass ich unbestimmte Zeit später käme, weil mein Rollstuhl absolut fahruntauglich war.
Zum Glück kamen aber zwei Schülerinnen des Weges und konnten mich mitnehmen. Von hinten schieben kann man den Rollstuhl trotz kaputten Lagern recht problemlos. Sogar noch pünktlich kam ich im Klassenzimmer an. Zu Beginn erklärte ich den vor mir Sitzenden, dass ich mich heute noch weniger als sonst im Klassenzimmer bewegen konnte, da mein Rollstuhl kaputt war. Die Siebtklässler waren enorm vorbildlich und still wie die Mäuschen.
Selbst positiv überrascht, wollte ich es wissen. In der Fünfminutenpause der Doppelstunde sagte ich: „Jungs, ich muss aufs Klo, kann mich da jemand hinbringen, mein Rolli ist kaputt, wie ihr wisst.“ Geschlossen standen sie auf und balgten sich beinahe um mich. Als ich auf dem Klo fertig war und nichtsahnend wieder herauskam, standen sie quasi Spalier, um mich wieder zurückzubringen. Am Klo wurden übrigens innerhalb einer Woche bombenfeste Stützsysteme zum Halten für mich angebracht, als ich darum gebeten hatte.
Den Rollstuhl bewusst einsetzen!
Natürlich wird mir in solchen Momenten, wo er nicht mehr funktioniert, mein Rollstuhl überbewusst. Somit rückt auch meine Behinderung vergleichsweise stark in meinen Fokus. Auf der anderen Seite merke ich aber an gerade solchen Situationen, an meinen Siebtklässlern, an meinen Mitpraktikanten, wie sehr ich auf meine Mitmenschen bauen kann. Denn alle haben ohne Bitten sofort mitgemacht beziehungsweise ihre Hilfe völlig ungefragt angeboten. Dazu noch eine kleine Anekdote.
Als ich am 5.12. am Weihnachtsmarkt dabei war, genoss ich die Atmosphäre, ich kann es nicht anders sagen. Ich fühlte mich pudelwohl, da ich schon viele kannte. Es kamen sogar einige Eltern auf mich zu und sagten mir, ihre Kinder hätten schon ganz begeistert von mir erzählt. Und ich fand es super nett, wie sich die Schüler um mich gekümmert haben. Sei es, dass sie mir, weil ich nicht so gut mit den Händen essen kann, einen Teller und Besteck für den Burger organisierten oder mir – absolut ohne dass ich sie darum gebeten habe – den Weg von anderen Herumstehenden frei machten.
Ausblick: Lehrer im Rollstuhl
Ich weiß, dass viel für mich zu leisten ist, wenn ich Lehrer werden will, denn neben den pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten muss ich auch Wege erlernen, meine Behinderung zu kompensieren. Aber ich bin guten Mutes.
Mittlerweile bin ich Lehrer und mache meine Arbeit gut und mit viel Freude. Der Weg dahin war, vor allem wenn ich an das Referendariat denke, beinhart. Nicht immer kamen mir Menschen, Kollegen, Vorgesetzte, Behörden entgegen. Oft genug legten sie mir auch Steine in den Weg. Ich wuchs an diesen Herausforderungen sehr und konnte nebenbei auch all die Schwierigkeiten, die man im Rollstuhl hat, lösen. Ein paar möchte ich erwähnen. An die Tafel schreiben, geht nicht. Da muss dann Powerpoint mit Beamer herhalten. Über Schüler gucken, geht nicht. Sie müssen sich in ein U setzen. Kurz etwas handschriftlich sammeln, geht nicht. Das dürfen Schüler übernehmen. Viele Stolpersteine mehr. Aber ich habe es geschafft!