Im Sommer, nach meinem sechsten Semester, reiste ich mit den Minis unserer Seelsorgeeinheit in die Ewige Stadt. Ich war zwar jetzt schon das dritte Mal mit den Minis dort und eigentlich seit drei Jahren kein Ministrant mehr. Aber diese Stadt faszinierte mich immer wieder und ich ging als Begleiter mit. Es lohnt sich, diesmal etwas ausführlicher vom Geschehen und den Erlebnissen dort zu schreiben. Nach 17stündiger Busfahrt kamen wir endlich an. Noch auf der Busfahrt sagte unsere Pastoralreferentin/meine Firmpatin zu mir: „Du, mir fällt auf, ich hab gar nicht gesagt, dass wir mit dir einen Rollstuhlfahrer dabei haben“. Ihr sei das einfach komplett entfallen. Was will man mehr? Mein Rollstuhl wird scheinbar oft doch so mühelos integriert, dass er gar nicht auffällt.
Und er fällt doch auf! Zuviel der Hilfe
Den älteren Nonnen, in deren Hotel – ich weiß nicht, wie ich es besser bezeichnen könnte; es war an ein Kloster angegliedert, funktionierte aber wie ein Hotel – wir untergebracht waren, fiel mein Rollstuhl natürlich schon auf. Und sie machten sehr lautstark in mir völlig unverständlichem Italienisch auf den Treppenlift aufmerksam, mit dem wir die drei Stufen zu den Fluren unserer Zimmer ersteigen könnten. Wir versuchten ihnen händeringend auf Englisch zu verstehen zu geben, dass die Stufen auch durch Tragen machbar seien.
Wir gaben auf. Machten die quälend langsame Arbeit des Treppenlifts mit, bedankten uns überschwänglich – dazu waren wir auch auf Italienisch in der Lage, was wiederum die Nonnen sehr freute. Und hofften seit diesem Zeitpunkt einfach, dass keine von ihnen uns erwischte, wenn meine (Ex-)minikollegen mich heimlich die Stufen hinuntertrugen. Einmal ließen wir uns den Lift noch aufnötigen. Zwei- oder dreimal ließ ich mich aber auch in der Gegenwart der Nonnen heruntertragen, während wir alle hinüberlächelten und uns für die vehement angetragene Hilfe bedankten, die wir aus Zeitgründen nicht in Anspruch nehmen wollten.
Platz da für einen Rolli
Am Anfang der Ministrantenwallfahrt, zu der um die 50.000 Ministranten kamen, stand eine Papstaudienz auf dem Petersplatz an. Logischerweise hatte man dabei nicht immer die beste Sicht auf das Geschehen ganz vorne. Doch die Stimmung war ohnehin mindestens genauso wichtig und deshalb blieb ich bei unserer Gruppe; ich hätte auch wie die letzten beiden Male ganz nach vorne gehen dürfen, um den Papst ganz nahe sehen zu können…
Die Schweizer Gardisten wiederum wollten mir unbedingt einen solchen vorderen Platz ermöglichen. Und so entfernten sie mich zusammen mit einem anderen aus der Gruppe, um uns an die VIP-Plätze zu führen. Direkt nein sagen wollten wir dann auch nicht. Zumal uns das dumpfe Gefühl beschlich, dass derlei Bemühungen in der allgemeinen Geschäftigkeit wohl auch nicht wirklich Erfolg gehabt hätten. Ebenso bestimmt bahnten uns die Schweizer Gardisten einen Weg durch die Menge. Unsere Sicht war nun erheblich besser. Außerdem kamen immer wieder nette ältere Herren in kirchlich-amtlich anmutender Kleidung, um uns Wasser, Programmzettelchen und Souvenirs in die Hand zu drücken.
Zugegeben, weder die Ansprache des Papstes noch die einiger anderer Kirchenvertreter fand ich besonders spannend. Aber nett war es trotzdem, in einer Reihe mit anderen Rollstuhlfahrern und deren Begleitern zu sitzen und die verbesserte Sicht und den Service zu genießen. Ich wusste, dass irgendwann noch ein päpstlicher Händedruck kommen würde.
Da ich aber wegen der vielen spendierten Wasserflaschen trotz enormer Hitze pinkeln musste, setzte ich darauf, dass Papst Franziskus noch lange brauchen würde, bis er an unserem Platz angekommen war, um den Händedruck zu verabreichen. Nicht, dass davon unser Seelenheil abgehangen hätte, aber wenn wir schon zwei Stunden dastanden beziehungsweise -saßen, dann wollten wir uns das nicht entgehen lassen. Wir kamen auf die Schweizer Gardisten zurück, von denen einer zufällig in unserer Nähe stand.
Italiener sind hilfsbereit
Und der erklärte sich prompt bereit, uns zu einer Toilette zu führen. Abermals in einem Affentempo dirigierte er uns durch die Massen. Man muss erwähnen, dass die Menschen zwar in einzelne Blöcke aufgeteilt waren, aber zwischen den Blöcken eine gewisse Fluktuation herrschte. Was die Anwesenheit von Schweizer Gardisten, die ja per definitionem eine gewisse Statur mitbringen müssen, sehr angenehm machte. Vor allem sorgten die zwei Herren – auf dem Weg hatte sich ein weiterer Gardist angeschlossen – dafür, dass wir an der Schlange an der Toilette vorbei in eine Behindertentoilette gelangen konnten. Wir waren lange vor Papst Franziskus wieder an unserem Platz. Ich muss sagen, die Freundlichkeit und der Optimismus, die dieser Mann ausstrahlte, sind enorm. Auch wenn es mein drittes päpstliches Händeschütteln war, war es ein besonderes.
Die Italiener haben ja mehr oder minder bekanntlich einen etwas flotteren Fahrstil. Das gilt natürlich auch für Rom. Aber dort, wie im Rest des Landes, habe ich feststellen können, dass sie trotz allem sehr genau sehen, was um sie herum passiert, und entsprechend reagieren. In Rom passierte es uns oft, dass die Autos und sämtliche andere Vehikel anhielten, wenn eine Gruppe mit mir über die Straße wollte. Ob nun rot war oder nicht. Generell sind Italiener freundlich und auch zu mir waren sie klasse. Sie packten mit an, nahmen uns Hindernisse aus dem Weg. Alle taten, was auch immer getan werden musste, um es mir so komfortabel wie möglich zu machen.
Sie sind Improvisationstalente
Als wir beispielsweise im Nationaldenkmal waren, hätte mein Rollstuhl drei Stufen hochgetragen werden müssen, um von der Vorhalle zu den eigentlichen Räumlichkeiten zu gelangen. Die Jungs aus unserer Gruppe wollten schon mit anpacken, als einer der Angestellten uns spontan anbot, uns ‚hinter den Kulissen‘ langzuführen, damit wir uns die Stufen sparten. Er wollte sich von seinem Vorhaben auch partout nicht abbringen lassen und so bekamen wir eine – englisch kommentierte! – Führung durch die Katakomben des Hauses, bevor wir den spektakulären Ausblick genossen.
Als wir den obligatorischen Besuch im Kolosseum absolvierten, waren unglaublich viele Menschen auf dieselbe Idee wie wir gekommen. Und so standen wir und standen wir. Bis einer der Securities mich sah. Er winkte mich heran und zusammen mit fünf anderen aus unserer Gruppe durfte ich schon mal direkt an die Kasse gehen und dann zum halben Preis hinein. Das nutzte uns nicht sonderlich viel, denn wir wollten mit dem Rest der Gruppe zusammen gehen. Aber wir nutzten die Zeit zum Pinkeln.
Improvisation – im Rolli unumhänglich!
In Rom, wenn auch schon acht Jahre vorher, entstand übrigens die Idee des Notfallpinkelns für mich. Die Idee, dass sich einige – nach außen gewandt natürlich – als schwatzende Traube um mich herum postierten, ich mein Geschäft verrichtete und die Flasche bei nächstbester Gelegenheit ausleerte. Während der Suche nach so einer Gelegenheit hielt ich sie vorsichtig in meiner Tasche versteckt.
Eine der einprägsamsten Kloerfahrungen dieses Mal in Rom war die auf der Piazza Navona, als wir auf einem der schönsten Plätze Roms ein unverschämt gutes Abendessen zu uns nahmen. Wir saßen draußen und genossen die Atmosphäre der Ewigen Stadt. Dann musste ich eben mal und der Kellner verwies uns eine enge Treppe nach oben, soweit so gut. Als die beiden Jungs mich oben abgesetzt, die Tür geöffnet hatten, wurde uns klar, dass es eng würde, sehr eng. Die Tür zum Klo war direkt links neben dem Treppenabsatz. Sie wuchteten mich um die Haarnadelkurve, wobei alles an meinem Rollstuhl an der schön verputzten Wand schrammte und auch so einiges Dekor nur knapp verfehlt wurde.
Ich konnte mich gerade soweit in den Raum quetschen, dass ich seitlich besehen kein öffentliches Ärgernis erregen würde. Von hinten aber sehr wohl, weswegen sich einer der beiden als Tür hinter mich stellte. Das Türspielen sollte man generell beherrschen, wenn man mit mir befreundet ist und enge Toiletten aufgesucht werden, denn wenn die Tür nach innen aufgenht, wird das Schließen gegebenenfalls etwas schwierig. Ich kam mir in diesem Fall auf der Piazza Navona auch deswegen besser vor mit der gespielten Tür, weil eben direkt hinter mir die sehr steile Treppe war. Nicht, dass ich sie hätte herunterfallen können, aber aus psychologischen Gründen war es ganz sinnvoll. Ich wurde wieder zurückgewuchtet, wobei wir abermals etwas römischen Putz als Andenken mitnahmen, und die Treppe hinuntergetragen.
Ebenso Muskelkraft anderer
In den vatikanischen Museen bekamen wir dank mir auch wieder extra Routen und wurden gegen den Strom geführt. Beim Warten im Kolloseum übergossen mich die anderen literweise mit Wasser, das sie aus den Trinkbrunnen nahmen. Ich durfte erschöpfte Minis auf den Schoß nehmen, wenn nach einem langen Tag bei 38°C, gefühlten 100 Kilometern Fußmarsch und abendlichen Sprechgesängen auf den Piazzas einfach keine Puste mehr da war. Wir aßen kiloweise Eis und Pizza, die wir in Rom wirklich an jeder Ecke erstehen konnten. Wir waren beinahe froh, dass unser Hotel um 23Uhr schloss und wir in die Betten fallen konnten.
Rom bedeutet sehr viel Arbeit für meine Mitreisenden. An dieser Stelle möchte ich danke sagen für das jetzt schon dreifache Engagement, das mir entgegengebracht wurde. Und selbst, wenn es so war, was ich nicht glaube, dass es jemals jemandem zu viel geworden wäre: Niemand ließ es sich anmerken. Im Gegenteil, wir hatten Spaß ohne Grenzen! Ob es um das mehrstöckige Kolosseum, das Forum Romanum, die engsten Gassen Roms, viele Stufen in Kirchen, steile oder lange Straßen, gnadenlos überfüllte U-Bahnen und Busse und aufzuglose U-Bahnstationen ging, alles war mit dieser Gruppe kein Problem. Danke für dreimal Rom!