Grundschule mit Rollstuhl und Zivi

Auch wenn ich mich zuvor durchaus bewegen konnte, war nun für die Grundschule ein Rollstuhl unabdingbar – später auch ein Zivi. Denn so gut es geklappt hatte, war das Krabbeln auf allen Vieren keine Alternative mehr. Und alleine auf die Toilette konnte ich mich auch nicht setzen. Meine Grundschule war eine normale Schule, ohne irgendeinen integrativen Anspruch. Die Lehrerin damals war dennoch sehr kooperativ und bemüht und ich war äußerst gut in die Klasse eingebunden.

Nun, eine Sache außer dem Rollstuhl gab es, die mich von meinen Mitschülern unterschied. Ich trug während der gesamten Schulzeit eine Windel. Jede große Pause kam zusätzlich meine Mutter, um mit mir auf die Toilette zu gehen. Später tat das ein Zivi. Während der ersten Monate schob mich meine Mutter im Rollstuhl zur Grundschule des Ortes, in dem wir lebten. Das wiederrum übernahmen mit der Zeit Freunde.

Man möchte meinen, dass meine Mitschüler mich hänselten. Doch dem war nicht so, im Gegenteil. Schnell hatte ich etliche Freunde gefunden und der Anblick eines Rollstuhls in der Grundschule war vollkommen normal. Instinktiv spürten meine Mitschüler, dass sie mit mir normal umgehen konnten, es jedoch Dinge gab, die sie nicht tun sollten.

Wohl meinem steten Kontakt zu Erwachsenen geschuldet, hatte ich mich schon immer mit der Welt der Erwachsenen beschäftigt. und so auch dem Intellektuellen. Ein Bekannter meiner Eltern meinte immer wieder, ich hätte das Sprechenlernen übersprungen und sei mit einiger Verzögerung zum Professor mutiert, was meine Ausdrucksweise beträfe. Ich tat mich nie schwer mit etwas, was in der Schule verlangt war. So gut es ging, machte ich alles mit im Unterricht, auch wenn mir meine Feinmotorik beim Malen und Schreiben nicht selten einen Strich durch die Rechnung(en) machte. Das machte mein Kopf wett – zumal ich der Älteste in der Klasse war.

In Baden-Württemberg – Zivi obligatorisch

Mit unserem Umzug nach Baden-Württemberg änderte sich Vieles. Dass ich meine Freunde vermisste, war zunächst beinahe nebensächlich. Denn meine neue Lehrerin tat sich jetzt in der dritten Klasse der Grundschule weitaus schwerer damit, ein Kind im Rollstuhl in ihrer Klasse zu haben und bestand auf einen Zivi als Unterstützung. So geschah es, dass ich jeden Tag für zwei Stunden Hilfe bekam. Der Zivi schrieb mit, brachte mich im Rollstuhl die Treppen in den Pausenhof hinunter und wechselte mir die Windeln.  Ich hätte auch über einen Treppenlift nach unten gelangen können, das dauerte jedoch sehr lange. Zum damaligen Zeitpunkt war das mit dem Zivi, gerade wegen der Treppen und Windeln, folglich sehr sinnvoll. Und meine Lehrerin tat trotz allem viel, mir zu helfen.

In der Klasse fühlte ich mich trotzdem wohl, weil der Zivi in der eben nur zeitweise da war. Die Kontakte zu meiner Klasse verschlechterten sich dadurch nicht. Ich hatte vier Freunde, mit denen ich mich sehr regelmäßig traf. Damals entdeckte ich meine außerordentliche Leidenschaft für Gesellschaftsspiele und für das ‚Fechten’ mit Bambusstöcken. Auch in der dritten und vierten Klasse wuchs ich also in eine tolle Atmosphäre hinein.

Eine besondere Freundschaft

Nicht zuletzt ist die Erinnerung an diese Zeit in der Grundschule so gut, weil ich sie mit dem Zivi, der mich in der vierten Klasse begleitete, verbinde. Er fuhr immer mal wieder nach der Schule zu mir nach Hause und passte auf mich und meine große Schwester auf, wenn unsere Mutter arbeitete. Wir spielten im Garten, am Computer, schrieben Gedichte, oder er las uns etwas vor.

Dass er mir einmal aus Versehen Desinfektionsmittel in die Augen spritze, würde ich ihm nie nachtragen. Meine Revanche bekam ich allerdings – ebenfalls völlig unabsichtlich –, als er mir den Hintern abputzte und ich ihm vornüber gebeugt unachtsam den Kopf in seine edelsten Teile rammte. Es sollte noch bis in die elfte Klasse dauern, bis ich herausfand, wie ich das große Geschäft allein erledigen konnte. Doch ansonsten erlebten wir eine tolle und harmonische Zeit und ich hatte einen weiteren Menschen, der mir viel Zuneigung entgegenbrachte.

Grundschule mit Rollstuhl und Zivi – ein Kampf

Es war keineswegs so mühelos, wie es sich vielleicht anhört, mich auf einer Regelschule unterzubringen. Schon im Kindergarten rieten viele Leute meinen Eltern ab. Es würde mich schlicht überfordern. Ob damit auch das Intellektuelle gemeint war, weiß ich nicht. Mit Sicherheit aber die Hektik und der Alltag einer Grundschule, in der nicht immer alle Rücksicht nehmen würden. Ich habe ja schon ein wenig über den Ablauf geschrieben und es waren auch unkonventionelle Lösungen notwendig.

Jedenfalls mussten meine Eltern sich das ‚Recht’ erkämpfen, mich auf die Regelschule zu tun. Das ist heute, in Zeiten, in denen Inklusion großgeschrieben wird, unvorstellbar. Aber damals in Bayern tickten die Uhren noch anders und wir hatten großes Glück – neben der Beharrlichkeit meiner Eltern –, dass ich eine Regelgrundschule besuchen konnte. Meine Lehrerin der ersten und zweiten Klasse war der Sache gegenüber aber sehr aufgeschlossen und so klappte es dort wie auch schon beschrieben sehr gut. In Baden-Württemberg war die Politik schon weiter und es war, bis auf die anfangs eher skeptische Lehrerin, weniger problematisch. Auch beim Gymnasium war es deutlich leichter, wenn auch nicht komplikationslos, mich in die Schule zu bekommen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür und auch für ihre Einstellung zu meinem Leben, die mich sehr stark beeinflusste.

Wenn ich recht weiß, bekamen sie zu meiner Einschulung in Bayern den Rat, sich auf Artikel 3 § 1 und 3 des deutschen Grundgesetzes zu berufen (Alle sind vor dem Gesetz gleich; niemand darf aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden.) Doch nun wieder zurück in die Schule und ab ins Gymi.