Gymnasium im Rollstuhl – Kontakte knüpfen

Kontakte in der Klasse hatte ich auch mit dem Eintritt in das Gymnasium, auch wenn ich jetzt den ganzen Tag einen Zivi dabei hatte, der mir mit Rollstuhl und allen Begleiterscheinungen half. Er holte mich morgens ab und brachte mich nach der Schule wieder nach Hause. Mein Zivi in der fünften Klasse war einsame Spitze und wurde nicht nur von mir, sondern von der ganzen Klasse geliebt.

Seine Heldentat – wiewohl er damit eigentlich gar zu tun hatte – bestand darin, mir bei einem Unfall beizustehen. Ich hatte mir seit einigen Tagen angewöhnt, aus Spaß an der Freude das abschüssige Wegstück, das unseren Parkplatz mit der Schule verband, mit erhobenen Händen herunterzurollen. Unten bremste ich ab und fuhr elegant um eine Kurve, um ins Schulgebäude zu gelangen. Dummerweise war der Boden an diesem Tag mal wieder trocken. Das hieß konkret, dass sich mein Bremsverhalten massiv wandelte. In Folge dessen überschlug sich der Rollstuhl und ich notgedrungener Maßen gleich mit. Mein Kinn platzte auf und noch lange zierte ein brauner Fleck den Boden.

Als mein Zivi zur Erstversorgung mit mir auf ein Klo gesprintet war, zeigte sich nach erstem Auswaschen, dass mein Blut wohl nicht so gerne in mir bleiben wollte. Nachdem wir also den ein oder anderen Klobesucher geschockt hatten, fuhren wir nach Hause und dann direkt zum Arzt. Es musste trotz aller optischen Wirkung nicht genäht werden und ich konnte noch mit zum Klassenausflug, der für diesen Tag geplant war. Viele der Ausflüge am Gymnasium wären mit dem Rollstuhl ohne einen Zivi gar nicht möglich gewesen, er machte Kontakte also zum Teil erst möglich.

Ein liebevoller Bär als Zivi

Zu dem Pendant in der sechsten Klasse möchte ich ebenfalls etwas mehr schreiben. Ein baumlanger Russe mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen und Kraft wie zwei Bären. Es kam des öfteren vor, dass er mich über seine Schultern legte und mit mir die Treppen zum Klo nach oben lief, weil er mit mir nicht in die Mädchentoilette gehen wollte. Damals gab es keine Behindertentoilette im unteren Stockwerk und wir mussten zu den Damen ausweichen. Oben setzte er mich dann ins Waschbecken vor der Klotür, schloss auf und verfrachtete mich auf den Topf.

Einmal hatte es mir nicht gereicht und meine Hose war durchnässt. Nachdem er mich nach Hause gebracht hatte, bat ihn meine Mutter, mich zu waschen, was er anstandslos, respekt- und liebevoll verrichtete. Keine Sorge, ich werde hier nicht seitenweise Klogänge nacherzählen. Aber sie sind hervorragend geeignet, um eine der ganz wichtigen Erfahrungen meines Lebens zu vermitteln. In Momenten der größten Intimität ist man am verletzlichsten – aber auch sehr fähig, Zuneigung zu bekommen. Ich spreche hier natürlich nicht im Mindesten von erotischen Komponenten; aber ich hoffe, durch die Wahl der Attribute meine Empfindungen deutlich zu machen, was dieser Umgang mit Menschen für mich bedeutet, ein Übermaß an Zuneigung.

„Raus aus dem Gymnasium“ – Kontakte zu Tieren statt dem Rollstuhl

Mit seinen 195 Zentimetern Körpergröße war dieser Zivi natürlich auch hervorragend geeignet, mich auf ein Pferd zu heben. Neben wöchentlicher Krankengymnastik war das die zweite Therapieform, der ich mich unterzog. Sie lockerte ungemein und tat viel zu meiner Lebensqualität. Weil mir bei der Geburt ein eher schwach ausgeprägter Gleichgewichtssinn mitgegeben worden war, saß ich nie sonderlich sicher auf den Rücken der Araber. Auch deshalb war der Zivi unerlässlich. Schon während des Kindergartens begonnen, führte ich das Reiten auf dem Gymnasium fort, was mir, statt Kontakt zum Rollstuhl Kontakte zu Tieren, ermöglichte. Und natürlich zu besonderen Meenschen.

Ständige Ermahnungen meiner Reittherapeutin, wie ich sie aus Ermangelung eines besseren Wortes nenne, gerade zu sitzen, Ritte im Schnee oder auf Sommerwiesen waren sehr schöne und prägende Ereignisse – nicht die Ermahnungen natürlich, aber trotzdem bin ich meiner Reittherapeutin unglaublich dankbar. Ich war zur Abwechslung größer als alle anderen, was eine ganz nette Erfahrung ist. Und es war auch das Wissen, dass ich im Falle des Falle(n)s in starke Arme gelangen würde, das sehr schön war.

Kontakte bei den Ministranten

Mit dem Frühjahr ging eine weitere Tür für mich auf. Ich hatte in dem Ort, wo ich die Grundschule besucht hatte, Erstkommunion gehabt. Nach meinem vierten Schuljahr waren wir umgezogen, zum einen, weil wir dann näher an meiner weiterführenden Schule wohnen würden und zum anderen, weil meine kleine Schwester auf die Welt gekommen war und unsere damalige Wohnung zu klein war. Ich hatte mich nach meiner Erstkommunion eher weniger mit der Kirche beschäftigt, Glauben bedeutete mir durchaus etwas. Ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, zu ministrieren.

Das änderte sich relativ schlagartig, als mich eben in der sechsten Klasse unser Pfarrer ansprach, ob ich nicht ministrieren wolle. Er bot mir an, dass ich doch an einer der Abendmessen mit ihm ministrieren könne. Er würde mich schieben und sozusagen mir helfen, ihm zu helfen. Ich nahm das Angebot an. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, es muss gut gewesen sein. So gut, dass ich mich entschloss, Ministrant zu werden. Man kann es nicht anders sagen: Dies war eine der wichtigsten, und prägendsten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Immer wieder werde ich auf die verschiedenen Erlebnisse mit den Minis und der Kirche zurückkommen. Im Gymnasium hatte ich jetzt zum ersten Mal Kontakte außerhalb der Schule und mein Rollstuhl spielte keine Rolle. Er machte das Ministrieren, das ich nun doch für mich gefunden hatte, nur spannender.

Körperliches Leid

Es kam aber auch eine nicht ganz einfache Zeit auf mich zu. Meine rechte Hüfte wollte sich aus ihrer Pfanne verabschieden. Um das zu verhindern, musste ich mich einer Operation unterziehen. Ich hatte in der dritten Klasse schon eine Operation gehabt, um die Adduktoren (die Muskeln, die die Beinspreizung ermöglichen) wieder zu verlängern. Das tut man, indem man sie einritzt. Und weil sie schon mal dabei waren, verpassten die Chirurgen meinen Waden auch gleich jeweils einen Gips, um die Wadenmuskulatur zu dehnen. Doch das war nichts im Vergleich zu der Operation Ende der sechsten Klasse. Sechs Wochen, die gesamten Sommerferien lang, hatte ich Schmerzen. Richtige Schmerzen. Ich konnte weder sitzen noch irgendwie auch nur ansatzweise stehen.

Ich ging, nachdem ich wieder einigermaßen schmerzfrei war, in ein ambulantes Rehazentrum. Die Mitarbeiter dort waren sehr, sehr nett und hatten großes Verständnis für meine Schmerzen. Nach Monaten intensiven Trainings war ich schmerzfrei und die Hüfte wieder ordnungsgemäß verstaut. Die Schmerzen nach der Operation waren daher gekommen, dass die Ärzte bei der OP einen Längskeil aus meinem Hüftknochen gesägt, den Hüftkopf wie an einem Scharnier nach innen in seine Pfanne geklappt und das heraus gesägte Stück quer, sozusagen als Spreizmechanismus, wieder eingesetzt hatten. Bis so etwas zusammenheilt, braucht es viel Zeit.

Vielleicht lag es an der großen Langeweile, die ich in den Sommerferien, verdammt zum Liegen, verspürte, jedenfalls war ich unendlich erleichtert, als ich wieder in die Schule kam. So erleichtert, dass ich mich ins Lernen geradezu stürzte. Ich hatte zwei neue Fächer dazubekommen – Latein und Geschichte –, die mir auf Anhieb gefielen. Bis auf Mathe gelangen mir ausnahmslos Glanzleistungen. So konzentrierte ich mich, da ich diese Begeisterung noch einmal so intensiv in mir entdeckt hatte, voll und ganz auf den Schulstoff und meine Noten.

Ein neuer Fokus

Der neue Fokus half mir sicherlich auch, nicht zu bemerken, dass ich mich zusehends von meinen Mitschülern distanzierte. Überhaupt von den meisten Mitmenschen meines Alters. Ich konnte bei Vielem nicht mitmachen. Das ging ja schon beim Sportunterricht los. Oder dem gemeinsamen Schulweg, vom Zelten oder dergleichen ganz zu schweigen. Für sich genommen waren das keine großen Probleme. Aber in der Summe bekam ich vieles nicht mit und konnte nicht mitreden. Im Gymnasium waren meinen Mitschülern Dinge wichtig, bei denen ein Rollstuhl hinderlich war, die Kontakte zu meinen Mitschülern wurden weniger.

So flüchtete ich mich – ich denke unterbewusst – neben guten Schulleistungen in die Beziehung zu meinen Zivis, die mir einfach reifer und somit verständlicher waren und in eine Freundschaft zu einem besonderen Menschen. Dieser Freund war ein Einzelgänger, seinen Hobbies und manchmal recht unkonventionellem Sozialverhalten geschuldet. Die Gleichung Einzelgänger + Einzelgänger hatte im Nachhinein kein vorteilhaftes Ergebnis für uns beide. Ich fand die Freundschaft damals aber prima er offenbar auch. So gut, dass wir, obwohl wir uns morgens in der Schule sahen, nachmittags miteinander telefonierten. Der Rest unserer Klasse war also außen vor – wollte es wahrscheinlich auch sein. In Kombination mit meinen sehr guten Noten und meinen ‚Sonderrechten’, was etwa das Zuspätkommen aufgrund von längeren Wegen oder Klogängen meint, musste ich wohl auf der Beliebtheitsskala ziemlich weit unten stehen.

Kontakte im Rollstuhl – im Gymnasium (zwischendurch) Fehlanzeige

Ich wollte aber auch nichts mit dem ‚kindischen Gehabe’ meiner meisten Klassenkameraden anfangen. Ich war ein Jahr später eingeschult worden und wäre sowieso einer der Ältesten der Klasse gewesen. Dazu kam, dass mich die Leute, vielleicht aus Unsicherheit,  nicht oder selten zu Partys oder sonstigen Aktivitäten einluden. Mit Sicherheit lag es aber auch daran, dass ich allgemein als Streber galt und einfach wenig Interessantes vorzuweisen hatte. Ein Teufelskreis:

Ich machte keinen alterstypischen Erfahrungen wie zum Beispiel (Be)trinken, lange Fortgehen, Mädchen und so weiter. Ich konnte nicht mitreden und um mich unterbewusst von der Einsamkeit abzulenken, versenkte ich mich noch mehr in Noten. Übrigens auch in Computerspielen und Lesen, insgesamt aber alles Dinge, die keines Kontaktes bedurften. Es war auch nicht so, dass auf dem Gymnasium niemand den Kontakt zu mir suchte – vor allem hatte das nichts mit dem Rollstuhl zu tun, wie ich mir lange Zeit einredete. Ich hätte es auch gar nicht gewollt, wenn ich ehrlich gewesen wäre, weil mir das Ganze eben so kindisch vorkam.