Alles, was ich geschildert habe, fand von außen statt, wurde mit mir gemacht. Doch es gab auch innere Gedanken, viel tiefer, als ich das damals hätte erkennen können. Ihnen solche Platz gewidmet werden. Es ist nicht so, dass ich das damals bewusst gedacht hätte. Aber im Nachhinein wird mir bewusst, dass sie mich zumindest zum Teil mit beeinflusst haben. Ja, ich wollte zu einem gewissen Teil einsam sein. Dazu muss ich noch einmal etwas zurück reisen.
In der sechsten Klasse habe ich mal zu einer Freundin gesagt: „Weißt du, da ich bei Sport nicht mitmachen kann und auch bei einigen anderen Sachen, die Menschen so in meinem Alter machen, habe ich beschlossen, mein Gehirn zu trainieren und meine Intelligenz zu nutzen und auszubauen.“ Sie meinte, sie fände das eine gute Einstellung, weil ich dann die Nischen nutzte, die mir in dieser Welt gegeben sind, und nicht an den Dingen verzweifelte, die mir nicht gegeben sind. Da mich Gott zudem mit einem relativ großen Intellekt ausgestattet hatte, stürzte ich mich in dieses Bild von mir.
Eine tiefe Beziehung entsteht
Ich baute eine intensive, sehr intensive Beziehung zu Gott auf, denn ich hatte – wie ich meinte – den Platz gefunden, an dem er mich haben wollte. Ich fühlte mich wohl damit und dachte gemeinsam mit Gott über vieles nach. Vor allem dann sprach ich mit ihm, wenn ich merkte, dass meine Denktätigkeit und meine tiefe Verbindung zu Gott bei anderen nicht gut ankamen, beziehungsweise ich keinen guten Anschluss fand. Denn ich konnte mit den einfachen Dingen nichts anfangen. Philosophie, Geschichte, das war meine Welt; Wissen allgemein. Immer wieder bestärkte ich mich im Gebet, dass Gott diesen Platz des Denkens und des Glaubens für mich vorgesehen hatte. Dass mir für mein Alter ausnahmslos intellektuelle Glanzleistungen gelangen, befeuerte mich zusätzlich. Und ganz allmählich begann sich in mir ein weiterer Gedanke einzunisten.
Mein Platz
Diese Aufgabe, die Gott für mich vorgesehen hatte, machte mich zu etwas Besonderem. Ich begann, mich weniger für meine Umwelt zu interessieren. Und wurde immer fester in der Überzeugung, diese Besonderheit darin zum Ausdruck zu bringen, dass ich mich noch mehr dem Denken und dem Glauben widmete – vor allem dann, wenn mich etwas schmerzte oder andere Menschen versuchten, mich von diesem Lebensentwurf abzubringen, bat ich um Kraft. Ich wollte der Besonderheit und der Aufgabe, die Gott mir stellte, gerecht werden. Oft quälte es mich zu sehen, wie Menschen mit ihren Mitmenschen oder der Umwelt umgingen, wie wenig ihnen Werte oder Gott wert waren. Manchmal fand ich sie regelrecht abstoßend, sie machten sich zu vielen Sachen so banale Gedanken – oder überhaupt keine – anstatt sich um wesentliche moralische, philosophische, Sinn- oder Glaubensfragen zu kümmern.
Da ich ja Gott hatte, war es vollkommen irrelevant, was andere Menschen von mir dachten oder ob sie ein Interesse an mir hatten. Denn was konnten sie mir geben, was mir Gott nicht hätte geben können? Verständnis? Ermunterung und Bestärkung für meine mir von ihm zugedachte Rolle? Schutz und Ruhe, wenn irgendwas mich aufwühlte? Was konnte mächtiger, schützender und im Zweifelsfall wichtiger sein als die Freundschaft und enge Beziehung zum Schöpfer und Lenker der Welten?
Nein, das alles bekam ich bei ihm, und zwar ohne mich irgendwelchen Rollen beugen zu müssen, ohne mich verteidigen zu müssen, ohne mir Vorwürfe oder Vorschläge in Bezug auf meine Rolle, die er/ich mir zugedacht hatte (immerhin hatte er meinen Körper ja eingeschränkt, also wollte er auch etwas Besonderes für mich!), anhören zu müssen. Insofern machte ich mir gerade in dieser Zeit auch wenig Gedanken um meinen Körper, wie es sonst in der Pubertät passiert, denn das Körperliche interessierte mich nicht ernsthaft.
Jesus als Vorbild?
Ich fühlte mich Jesus oft sehr verbunden, denn auch er hatte seine Bestimmung auf sich genommen und gelitten; trotz aller Verwurzelung in Gott störte es mich natürlich, dass ich bei vielen Dingen nicht mitmachen konnte und ausgegrenzt wurde – auch wenn ich mich ja zum Teil selbst ausgegrenzt hatte, eben weil ich dachte, dass Gott diese Rolle für mich vorgesehen hatte. Jesus hatte Gott an seiner Seite gehabt, den mächtigsten Fürsprecher der Welten. Nichts konnte ihm etwas anhaben und trotz aller Grausamkeit der Welt wusste er sich von Gott geliebt.
Und er wusste, dass auch wenn ihm Qual und Leid bevorstanden, er ausgegrenzt und missverstanden wurde, er eine Schlüsselrolle im Plan Gottes spielen durfte – und vor allem von ihm in die unendliche Herrlichkeit der Auferstehung geführt und ewiges Leben in Fülle haben würde. Dafür ließen sich die gelegentlichen unschönen Momente doch gut ertragen und mit Sinn anfüllen. Und in seiner Gnade machte Gott es mir noch viel angenehmer als Jesus, denn er schenkte mir meinen einen besten Freund und die Zivis, die neben wenigen anderen Menschen wichtig für mich waren und mir trotz aller Abgewandtheit ein Gefühl des Zugehörens vermittelten.
Radikale Veränderungen von außen
Am Ende der neunten Klasse krempelte sich alles um. Durch den Laptop, den ich seit zwei Jahren hatte, und den Aufzug in der Schule war mein Zivi als Hilfskraft überflüssig geworden. Und so kamen die zuständigen Stellen auf den Gedanken, die Stunden des Zivis radikal zu kürzen. Unterstützt wurde die Sache von meinem Klassenlehrer, dem ich mittlerweile sehr dankbar für seine Bemühungen bin. Damals aber war ich nicht besonders begeistert von der Idee, auf den Luxus des Zivis verzichten zu müssen. Vor allem auch als Bezugsperson. Ich sollte also lediglich eine schulinterne FSJ-Begleitung als Hilfestellung bekommen. Sie würde die Aufschriebe meiner Mitschüler kopieren und mir bei Klassenarbeiten assistieren würde.
Etwa zeitgleich passierten zwei weitere Dinge: Zum einen wandte sich mein schon erwähnter einziger Freund von mir ab. Er musste wohl erkannt haben, dass es durchaus Vorteile hatte, sich mit dem Kollektiv unserer Klasse, den ‚ganz normalen Leuten’ anzufreunden. Von einem Tag auf den anderen war er mir gegenüber mehr als unfreundlich.
ziehen innere nach sich
Ich war zutiefst enttäuscht von Gott und wusste nicht mehr ein noch aus, als beide, mein einziger Freund sowie mein Zivi wegfielen. Eine Weile konnte ich mich damit vertrösten, dass mich Gott eben noch mehr in meine Berufung bringen wollte, doch fühlte ich mich einsam. Nachdem ich diese Gedanken einige Wochen gepflegt hatte, dachte ich weiter. Ich weiß noch genau, dass ich kurz vor den Sommerferien der neunten Klasse in der Aula stand und nachdachte.
„Was machst du eigentlich, wenn die Schule vorbei ist? Du kannst in der Uni weiter mit guten Noten glänzen, dann im Beruf mit Topleistungen. Und dann? Ist das alles, worauf du dein Leben gründen willst? Nein! Ich will auch Freundschaften aus der Schule mitnehmen, als dauerhaftere Erinnerung als meine Intelligenz, zu der mich mein Rollstuhl zwingt Ich will eigentlich gar nicht so besonders sein. Und erst recht will ich mich nicht von anderen abgrenzen: Ich weiß, dass mein Geist ein wesentlicher Teil von mir ist. Aber er ist nicht alles.“.
Ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich das bewusste Ziel gehabt hatte, mich über Noten und meinen Geist zu definieren. zu definieren. Auch wenn mir Schule besonders seit meiner schweren Operation Spaß machte. Aber nun war es ohne Absicht genauso gekommen.
Verwirrende Gedanken
In den folgenden letzten Wochen der neunten Klasse durchzuckte mich ein völlig neuer – und teils sehr verwirrender – Gedanke von Gottes Meinung zu mir: „Ich habe nie gesagt, dass du dich von deinen Mitmenschen isolieren sollst. Du bist etwas Besonderes, ja, aber du bist nicht besonderer als alle anderen Menschen. Ich will, dass du deine Intelligenz nutzt, aber mit anderen zusammen! Und glaubst du wirklich, ich hätte viele andere Menschen um dich herum einfacher gestrickt als dich? Sie sind vordergründig nicht so tiefgründig, nachdenklich und gläubig wie du. Aber woher willst du wissen, dass sie innerlich nicht genauso intelligent, feinfühlig und denkfreudig sind?
Und schau sie dir an: Sie nehmen das Leben nicht so schwer und kommen doch ganz glücklich rüber. Sie haben sicher auch ihre Sorgen und Nöte. Aber sie sind nicht so einsam wie du dich manchmal fühlst. Lass dich darauf ein und lerne, dass meine ganze Schöpfung einen guten Kern hat. Auch die, die sich nicht viel mit mir beschäftigen. Denke weiter fleißig und glaube an mich! Aber gehe in die Welt und genieße sie! Auch Menschen können dir prima zur Seite stehen, nicht nur ich!“
Erleichterung
Zum Teil gezwungen, weil ich keine Bezugspersonen mehr hatte, zum größeren Teil jedoch von diesem Gedanken fasziniert, weil er endlich auch die ‚Leiden‘ für unnötig erklärte, öffnete ich mich mehr und mehr. Und je mehr ich mich öffnete, desto mehr Leichtigkeit durchfloss mein Leben und desto mehr Freude erfüllte mich. Zur Freude an Gott kam jetzt auch die Freude an den Menschen und ich bin das, was ich heute bin. Und ich begann das zu schätzen und zu lieben, was ich zu Beginn ausführlich beschrieb. Ich begann Menschen zu lieben. Ja, ich entwickelte eine Sehnsucht nach ihnen. Ich wollte normal sein, nicht mehr besonders, ich wollte dazugehören. Ich hatte es satt, den tiefgläubigen intelligenten Einzelgänger zu spielen – und Gott offenbar auch.