Ich übernachtete nie gerne auswärts. Das fing schon im Kindesalter los, auch bei nahen Verwandten oder meinen besten Freunden wollte ich nicht schlafen. Es ging gar nicht darum, dass ich mich dort nicht wohlgefühlt hätte. Ich wollte einfach nicht, hatte einen richtiggehenden Bammel. Noch während der ersten und zweiten Klasse reichte das so weit, dass ich meine Eltern nicht über das Wochenende weggehen lassen wollte. Sie taten es natürlich trotzdem. Ich tobte schon Wochen vorher. Auch zu Klassenfahrten war ich nur äußerst ungern mitgekommen, hatte oft abgebrochen. Meine Mutter war immer der Meinung, dass ich, wenn sie mich nur oft genug auf Freizeiten, Klassenfahrten etc. schickte, schon Gefallen finden würde. Dem war nicht so gewesen.
Wandlung möglich!
Doch nun, vor der zehnten Klasse, hatte ich plötzlich einen Antrieb, wegzugehen und über Nacht zu bleiben. Ich wollte Kontakte knüpfen. Ich wollte dabei sein, wenn die anderen nachts ‚Rabatz schoben‘, bis spät in die Nacht redeten, spielten, ‚Sch**ße bauten’. Es war eine irre Erfahrung für mich damals, denn alle halfen mit, trugen mich, schoben mich – mit abartiger Geschwindigkeit – durch Maislabyrinthe, legten mich ins Bett. Vor allem wurde ich völlig als Freund und nicht als ‚nachdenklicher, irgendwie unnahbarer Rollstuhlfahrer’ gesehen. Ich möchte anmerken, und das ist mir unglaublich wichtig, dass ich mich wohl niemals wirklich so gefühlt hatte. Es wurde mir aber in der zehnten Klasse immer klarer, dass ich so angekommen sein muss.
Wesentliche Freundschaften, zunächst außerhalb der Schule, wurden auf dieser Freizeit geknüpft, der Rollstuhl spielte keine Rolle. Teilweise zählen sie noch heute zu den unantastbaren. Mit den Erfahrungen konnte ich überhaupt so extrem gestärkt und verändert in das neue Schuljahr starten.
Schwierige Ausgangslage
Als die zehnte Klasse begann, stand ich vor einer sehr merkwürdigen Situation. Ich war fünf Jahre auf der Schule und kannte doch keinen (obwohl jeder meinen Rollstuhl kannte!) – von Freundschaften ganz zu schweigen. Ohne Zivi (die Fahrdienste zur Schule wurden aber weiterhin von einem durchgeführt) und meinen Freund war es, als müsste ich Neuland betreten. Mich kannten und kennen immer alle sehr bald und auch ich kannte so Viele mit Namen. Aber selten die Leute dahinter. Was nutzt es, wenn ich fast jeden mit Namen rufen kann, aber in der Pause sich niemand zu mir setzt und nachfragt, wie es geht?
Ich hatte seit der achten Klasse in der Streitschlichtung mitgemacht. Und das mit recht gutem Erfolg. Meine Einsamkeit konnte also nicht daher rühren, dass es mir nicht gelang, mich in Leute hineinzuversetzen, Vertrauen aufzubauen. Zwei Probleme gab es aber bei der Kommunikation als Streitschlichter, wenn man sie als Basis für normale Freundschaften verwenden will. Erstens war das eine ‚geschäftliche’ Beziehung und Freundschaften und Geschäft zu vermischen, mag sich nicht immer vertragen. Zweitens war die ‚Beziehung’ sehr exklusiver Basis und es fehlte die Leichtigkeit, die eine Freundschaft als Komponente aufweisen sollte. Noch einmal die Frage von eben, in anderem Blickwinkel: Was nutzt es, die Seelenwelt und zum Teil tiefen Geheimnisse von Menschen zu kennen, wenn sie – oder man selbst – nicht an einer Freundschaft interessiert ist, weil ihr das Alltägliche fehlt? Mir wurde meine Einsamkeit, obwohl ich kannte und gekannt wurde, sehr schnell bewusst.
Verwandlung in der Schule: Vom Rollstuhl zur Freundschaft
Ich meldete mich bei weiteren AGs an. Neben Streitschlichtung machte ich schon seit der achten Klasse im Schulchor mit. Und in der zehnten Klasse kamen jetzt auch Theater, Schüler-Zeitung und Schwedisch dazu. So kam ich intensiv unter Leute, die nicht in meiner Klasse waren. Ich weiß nicht, woran es lag, aber meine Klasse war, was AGs und schulisches Engagement anging, ziemlich desinteressiert. Die Schüler in den AGs kannten mich nicht gut genug, um zu wissen, dass ich mir früher viel aus Noten gemacht hatte. Ich hatte mich manchmal, zumindest in meinem tiefsten Inneren, für etwas Besseres deswegen gehalten hatte. Doch als ich nun mit den neuen Menschen zusammen war, begannen mich diese Sachen, von denen ich auf der Minifreizeit gekostet hatte, alle auch in der Schule zu faszinieren.
Ich merkte, dass es durchaus angenehm war sich zur Begrüßung zu umarmen, gemeinsam Mittag zu essen, sich zu massieren, irgendwo auf dem Schulgelände zu hocken, zu reden. Ironischerweise waren alle diese Schüler noch jünger als meine Klassenkameraden, aber das tat der Sache keinen Abbruch. Neben der Kirche begann nun also auch meine Schule zum dritten Zuhause zu werden. Und das wortwörtlich. Der Rollstuhl war auch in der Schule nichts mehr, das Freundschaften verhinderte – oder von dem ich mir eingebildet hatte, dass er das sei.
Ich entfernte mich gemäß meinen Überlegungen zum Ende des letzten Schuljahres langsam von meinen Vorstellungen bei Schulnoten. In meinem Spitzenfach Latein lernte ich einmal auf einen Lateintest nicht die Lektion, die aufgegeben war, und kassierte eine 5. Ich war sehr zufrieden mit mir. Zum einen bemerkte ich, dass es überhaupt nicht schlimm war, ja sich sogar ganz gut anfühlte, mal unter die ‚Schlechteren’ zu zählen. Zum anderen nötigte es meinen Klassenkameraden Respekt ab. Spätestens ab diesem Zeitpunkt beschloss ich endgültig, es mit den Noten nicht zu ernst zu nehmen. Ich schloss die zehnte Klasse mit einer 2,1 ab (anstatt der 1,3 die ich im Vorjahr erworben hatte).
Freundschaften, Rollstuhl und Schule – das ergänzt sich
In der zehnten Klasse hatten wir zweimal Mittagsschule bekommen. In den Mittagspausen besuchte ich irgendwelche AGs. Am Donnerstag blieb ich sogar für Schwedisch und Gesangsunterricht weiter an der Schule. obwohl ich eigentlich fertig war. Nicht selten gab es Abendveranstaltungen, bei denen ich mitwirkte. Am Anfang des Schuljahres stellte sich die Streitschlichtung in den Elternabenden vor. Da mir so etwas lag, übernahm ich das mit Freuden. Die Zeit, die ich an meiner Schule verbrachte, war enorm – aber nicht wegen der Noten. Ich begann nun, mich viel mehr mit meinen Mitschülern zu beschäftigen.
Sei es, dass wir uns in der Sonne räkelten, miteinander aßen, plauderten oder tiefgründige Gespräche führten. Es war wunderschön, ich fühlte mich angenommen über alle Maßen. Ich erkannte, dass alle Menschen um mich herum höchst normal waren und die Menschen um mich herum, dass ich ganz in Ordnung war. Ich konnte mich in der Schule sehr frei bewegen, hatte Platz, kam überall hin, wo ich wollte, und war bald für weit mehr bekannt als meinen Rollstuhl, Freundschaften waren für beide Seiten denkbar.
Obwohl mein ehemals einziger Freund mit mir die gesamte zehnte Klasse nichts zu tun haben wollte, ja sich nach Kräften bemüht hatte, mir das Leben schwer zu machen und mich ausgelacht hatte, ereignete sich zu Ende meines zehnten Schuljahres folgende Geschichte: Ich saß mit einer Schokoladentafel da. Er nicht weit weg. Ich öffnete sie und er fragte, ob er ein Stück haben dürfe. Ich gab ihm eins. Seither sind wir wieder Freunde. Es interessierte mich nie, was ihn geritten hatte, ich bin froh, ihn wieder als Freund zu haben.
Von guten Freundinnen
Was damals auffiel, ja sogar schon in der dritten und vierten Klasse aufgefallen war, war die Tatsache, dass ein großer Teil meines Freundeskreises weiblich war. Das ist auch heute noch so. Wenn ich so darüber nachdenke, scheint es mir logisch, dass das Geschlechterverhältnis umgedreht ist. Denn während andere Jungs und junge Männer mitunter Mädchen und Frauen als ersehnte Beute wahrnehmen, sich aber ansonsten recht schwer mit der Entschlüsselung der Psyche tun, habe ich auch gelernt, auf Frauen zuzugehen, weil ich auch von ihnen Hilfe brauche, und dabei feststellen können, dass sie keine Außerirdischen sind.
Und vielleicht – ich weiß, ich bediene Klischees – sind Frauen oder Mädchen in einem bestimmten Alter einfach hilfsbereiter, sensibler oder weiter als die Jungs. Jedenfalls, ob es jetzt an meiner Behinderung lag, sei dahingestellt, konnte ich mit Mädchen meist mehr anfangen. Vielleicht auch, weil ich gerne sehr viel rede und mich nicht über Bewegung und Sport definiere, man verzeihe mir das erneute Aufgreifen von Klischees! Mädchen bevölkerten ganz schnell einen beachtlichen Teil meines Freundeskreises. Eine ganz besondere Freundin, symbolisiert für mich diesen Wechsel meiner Identitäten wie sonst niemand und ist sehr wertvoll für mich. Weil sie mich gerade am Anfang annahm, als ich noch gar niemanden an der Schule hatte