Bei den Minis (Abkürzung für Ministranten) taten sich weiter erstaunliche Dinge, auch wenn mein Rollstuhl dort nie Thema war. Ich war dort zwar durch ihn noch viel eher etwas Besonders, aber trotzdem gehörte ich einfach dazu. Ich bekam die Aufgabe, mit einem anderen Mini, der mich schob, die Gaben, also Brot und Wein zum Altar zu bringen. Der oder die andere Mini reichte mir die Gaben, ich transportierte sie auf dem Schoß. Das klingt nicht nur nach einem Extraaufwand, das ist einer. Vor allem wenn ich bedenke, dass man extra wegen mir Rampen in den Altarraum einbaute. Das zeigte mir, wie sehr ich bei den Minis willkommen war.
Seit der achten Klasse war ich auch Oberministrant. Zusammen mit zwei Mädels leitete ich die Gruppe in unserem Teil der Seelsorgeeinheit. Neben den Versuchen, das Ministrieren beizubringen, machten wir Treffen, wo wir Spiele spielten, buken oder bastelten. Meine große Schwester war auch zu den Minis dazugekommen und wir fanden dort beide Freunde, die wir gemeinsam hatten und deren Freundschaft für uns beide noch heute gilt.
Körperkontakt und Sehnsucht anders gedacht
Einmal war ein Geschwisterpärchen bei uns. Auch sie waren Minis und haben nebenbei bemerkt einen Bruder im Rollstuhl. Es waren die Weihnachtsferien der zehnten Klasse. Unsere Eltern waren übers Wochenende weg, nebst dem Kleinstlebewesen (meine kleine Schwester, für die eine Unzahl von Spitznamen existieren, darunter viele, bei deren Nennung in diesem Text ich schon sehr lebensmüde sein müsste). Also schliefen die beiden bei uns. Es war das erste Mal, dass ich, im Alter von 17 Jahren, bis vier Uhr nachts wach blieb. Wir vertrieben uns die Zeit mit dem Film Harry Potter und der Orden des Phoenix, wobei ich immer wieder zusammenschrak. Ich bin ein sehr, sehr schreckhafter Mensch. Dann gab es noch singende Plüschblumen, YouTube-Videos und Essen.
Doch einer der Momente, die mir tief in Erinnerung blieben, war, als sich die Schwester auf meinen Schoß hockte. Das hatte überhaupt nichts mit einem sexuellen Empfinden zu tun. Aber es erfüllte mich mit Zufriedenheit, dass ich jetzt auch die körperliche Komponente so massiv wahrnehmen konnte, ihre Körperwärme spüren, ihren Duft riechen. Es war etwas Tolles, einen Mädchenkörper auf mir zu spüren, Nähe erfahren zu können. Für mich, der ich mich lange Zeit, über meinen Geist, meinen Rollstuhl, aber selten über meinen Körper definiert hatte, war diese kleine Alltagserfahrung mit einer von den Minis etwas zutiefst Berührendes. Doch dann wurde sie schwer und ich musste sie von mir runter schieben. Am nächsten Tag waren wir alle wie gerädert und ich um eine Erfahrung reicher.
Minis und Rollstuhl – ich bin dabei
In unserer Seelsorgeeinheit gibt es mehrere Ortschaften, die jeweils ihre eigenen Minis und Oberminis haben. Jedes Jahr machen die Omis (Oberminis) einen Ausflug, meist an den Ort, wo die Uromis (also die, die nach der Schule aufgehört haben) leben. Es sollte in den Weihnachtsferien nach München gehen. Irgendwie war ich damals beim ersten Mal vergessen worden und ich war sehr unglücklich, dass es dann einfach nicht klappte. Irgendwas war organisatorisch schief gelaufen.
Aber das Traurigsein war erstaunlich für mich und immer noch recht neu. Noch bis vor wenigen Monaten wäre ich insgeheim vielleicht froh gewesen, mir keine Ausrede für mein Fernbleiben ausdenken zu müssen. Vielleicht. Aber diesmal war ich richtig traurig. Die Tage, in denen die Omis in München waren, vergingen und danach wusste ich noch einmal, dass tiefgreifende Veränderungen in mir passiert waren. Die Omis uns Minis verdeutlichten mir, dass nicht sie ein Problem in meinem Rollstuhl sahen, sondern gewissermaßen ich selbst oft eines daraus gemacht hatte.
Schon seit der achten Klasse, wenn nicht länger, bereitete ich Gottesdienste und andere Veranstaltungen zusammen mit einigen Oberminis und anderen Menschen aus unserer Gemeinde vor. Und so war ich auch bei der Vorbereitung des Einführungsgottesdienstes meiner eigenen Firmung beteiligt (die Firmung ist für Katholiken ein weiteres Glaubensbekenntnis nach der Erstkommunion). Von dieser Vorbereitung ist mir noch sehr viel in Erinnerung. Ich habe damals über meine Veränderungen und Erlebnisse der bisherigen Wochen und Monaten in der Schule erzählt und weiß, dass ich unglaublich stolz und zufrieden war, dass die anderen mir sagten, sie hätten diese Veränderungen auch bemerkt und fänden sie gut.
Vom Rollstuhl auf den Stuhl
Beim ersten Firmtreffen (es gibt natürlich auch außerhalb der Gottesdienste Veranstaltungen während der Firmvorbereitungen) spielten wir Gruppenspiele. Darunter die Reise nach Jericho. Sie funktioniert umgekehrt wie ihr Pendant nach Jerusalem: Nach jeder Runde wird ein Stuhl weggenommen. Die Reisenden müssen sich so auf den Stühlen platzieren, dass kein Körperteil den Boden berührt. Ich machte mit und nachdem mein Rollstuhl zu breit war, hob man mich hinaus und Jungs wie Mädels trugen mich. Ich glaube, wir haben es geschafft, bis noch zwei Stühle übrig waren und wir waren schätzungsweise zwölf Personen.
Unser gemeinsames Firmwochenende verbrachten wir in einem kleinen Häuschen in der näheren Umgebung mitten im Wald. Ich schlief über Nacht mit den Leitern im unteren Geschoss auf Matratzen. Bevor wir jedoch auf diese fielen, machten wir eine Nachtwanderung durch den Wald. Alle packten mit an oder schoben, es war eine runde Sache – auch trotz oder vielleicht gerade wegen des Schnees. Der Nachteil an mit Schnee vermischtem Waldboden ist allerdings der, dass ich meine Reifen nicht wie Schuhe ausziehen kann, und da wir das Häuschen nicht verschmutzen wollten, mussten die Reifen irgendwie gereinigt werden. Um uns das zu erleichtern, setzten die Mitspazierten mich auf einen Stuhl, während mein Rollstuhl eine Extrawäsche bekam.
Ohne Rollstuhl ist Schluss?
Auf einem Stuhl zu sitzen ist für mich eine ganz besondere Situation. Ich bin völlig fortbewegungsunfähig. Ich kann mich keinen Zentimeter vor und zurück bewegen. Natürlich kann ich mich theoretisch vom Stuhl hinunterwerfen, um auf dem Boden einem Ziel entgegenzurobben, aber das birgt ein gewisses Gesundheitsrisiko. Ich bin also völlig darauf angewiesen, dass man mich entweder vom Stuhl wieder in den Rollstuhl setzt – was sie anstandslos taten – oder mir alles bringt. Hieran wird sehr deutlich, wie sehr ich von Menschen und deren Gutmütigkeit mir gegenüber abhängig bin. Ich mag das Gefühl, auf einem Stuhl zu sitzen, auch nicht besonders.
Ich bin mir bewusst – und das gilt für alles, was ich beschreibe -, dass ich nur (über)leben kann, weil sich andere an das ungeschriebene Gesetz halten, dass man meine Hilflosigkeit nicht ignoriert, beziehungsweise ausnutzt. Was mir dann geschehen würde, daran will ich gar nicht denken. Vielleicht ist es auch eine bestimmte Ausstrahlung meinerseits, dass ich mich nicht zum Opfer machen will, die mich vor Missbrauch schützt, so sagen manche. Entscheidend ist jedoch, dass man sich an dieses ungeschriebene Gesetz hält – und das macht mein Geheimnis und mein Selbstbewusstsein aus, deswegen kann ich sagen: Behinderung ist Glück. Jeden Tag aufs Neue erleben aber auch herausfordern zu dürfen, dass Hilflosigkeit nicht missbraucht wird, das ist Glück!
Ohne Rollstuhl und Minis ganz nach oben
Bald darauf machten wir eine Kirchenraumbesichtigung. Durch das Ministrieren kannte ich die Kirche natürlich sowieso gut. Aber die Empore hatte ich bisher nur von unten gesehen. Bisher. Denn einer unser Gruppenleiter nahm mich kurzerhand auf die Schultern und trug mich nach oben. Die Treppe ist sehr steil und beschreibt unten eine noch steilere Kurve. Oben konnte ich zusammen mit einem Überblick über die Kirche auch bestens die Orgeltasten malträtieren.
Ich liebe es, getragen zu werden und Körperkontakt zu haben. All den Menschen, die mir derlei Erlebnisse wie das Besteigen einer Orgelempore ermöglichen, bin ich sehr, sehr dankbar (In der sechsten Klasse trugen mich einmal Lehrer wie Zivis durch die gesamte Stiftskirche in Tübingen, auch durch die engsten Dachgeschosse). Denn so kann ich die Welt erkunden. Nicht selbstständig, sondern mithilfe von anderen Menschen. Ich bin dadurch in einem immerwährenden Kontakt und gerate nie in Einsamkeit. Das empfinde ich als großes Glück. Gerade, wenn ich mal auf einem Stuhl sitze.