In der zehnten Klasse nahm ich dann auch an dem ein oder anderen Schüleraustausch teil, hier erforderte mein Rollstuhl einige Improvisation. Natürlich war ich bereits mit meiner Familie in diversen Urlauben gewesen. Aber entweder war ich so klein gewesen, dass man mich mühelos tragen konnte, oder wir schlicht an Urlaubsorten, wo das nicht nötig war.
Über Ostern ging es mit einer Schülergruppe nach Palästina. Mit von der Partie war mein Vater. Wir wohnten zusammen bei einer Gastfamilie. Mein Austauschschüler, ich finde Gastbruder persönlich schöner, hatte für meinen Vater und mich sein Zimmer leergeräumt. Die ganze Familie, und damit meine ich Großfamilie, nahm uns sehr herzlich auf.
Mit dem Rollstuhl durch den Orient: Schüleraustausch in Palästina
Tagsüber war ich meist mit den anderen Schülern unterwegs, während mein Vater sich mit den begleitenden Lehrern – prima verstand. Nach dem Tagesprogramm tausenden Kirchen, den Golanhöhen, dem Toten Meer, saß er beim Wein, ich bei den Schülern und testete Shisha. Das fand ich auch ohne Tabak ganz furchtbar und werde nach meinem ersten Zug so schnell keinen mehr tun. Einige Male gab es Partys bei Austauschschülern. Auch wenn ich mit Tanzen recht wenig anfangen kann, genoss ich doch die ganze Atmosphäre.
Als ich einmal mit meinem Vater unterwegs war, verbogen wir natürlich prompt an einem großen Pflasterstein Jerusalems mein Vorderrad. Unter einigen gezielten Hammerschlägen lief es wieder einigermaßen rund. Dieser Schüleraustausch war nur das erste Mal von vielen, an denen mein Rollstuhl teils den Dienst quittierte. Aber das macht es ja erst spannend, gerade wenn kein Rollstuhltechniker um die Ecke ist.
Am Karfreitag litt ich trotzdem – wie passend, wenn mir die Blasphemie erlaubt ist: Unsere Gruppe war in der Wüste unterwegs, was mit dem Rollstuhl nicht so einfach möglich war – auch mein Gastbruder. So blieb ich mit meinem Vater bei meinen Gasteltern, die aber beim Arbeiten waren. Mein Vater hatte zu allem Überfluss noch eine Blasenentzündung und so war mit ihm auch nicht viel anzufangen.
In den letzten Tagen waren wir in einem israelischen Kibbuz. Es war eine Wohltat für mich, zum ersten Mal nach acht Tagen wieder duschen zu können. Denn das war, aller Gastfreundlichkeit zum Trotz schlicht nicht möglich gewesen. Trotzdem: Die Reise war mehr als schön gewesen, wir bekamen viel Begegnung und Kultur geboten – und machten uns sehr viele Gedanken zur Konfliktsituation mit Israel.
Schüleraustausche sind sozial
Für mich war der soziale Effekt aber weit bedeutender gewesen. Im Anschluss lud mich eine aus unserer Gruppe zu SchülerVZ, einem Vorläufer von facebook, ein. Entscheidend war: Man konnte nur von einem Schüler eingeladen werden. Auch wenn der Beitritt weder etwas Exklusives noch Lebensveränderndes ist, war er für mich ein weiterer Schritt in die neue Welt der Jugend, wo ich hingehörte. Schwachsinn posten, Bilder von anderen ansehen, super Sache.
Bald ging es wieder in die Sonne. Unsere Schule hatte einen Partner-Chor in Italien. Irgendwie musste ich ja in Italien wohnen und ich konnte schlecht zu einer Gastfamilie hingehen und sagen: „Da kommt ein 17-Jähriger, der nicht ohne Weiteres in ein Bett steigen kann und Hilfe beim Anziehen braucht (vom Hintern abputzen ganz zu schweigen…)“. Aus diesem Grund war auch mein Vater nach Palästina mitgegangen. Diesmal ging ein Lehrer mit mir in die Gastfamilie. Wir waren uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Unterricht begegnet. Ich kam mit ihm ganz gut klar, er war auch groß genug, um mich in den Reisebus zu tragen, von einigen Schülern unterstützt. Es war zugegebener Maßen eine seltsame Erfahrung, sich dann auch von ihm den Hintern abputzen zu lassen. Aber er handhabte das äußerst lässig. Schon bald verordnete er mir, ihn mit Vornamen anzusprechen, was etwaigen Toilettenbesuchen vielleicht auch angebracht war.
Allzu viel weiß ich vom Austausch sonst nicht mehr. Aber eine Szene ist mir zu hundert Prozent im Gedächtnis: Es war Nacht. Es war warm. Wir, also ich und einige Schüler nebst Italienern, waren auf den Straßen unterwegs. Weil eines der Mädchen fror, bot ich zunächst Jacke und dann Sweatshirt an. Und alle waren vollkommen begeistert, als ich wusste, was Eisdiele auf Italienisch heißt. Zugegeben, eine überflüssige Szene. Aber ich merkte einmal mehr, was es bedeutet, einfach mit Gleichaltrigen völlig normale Dinge zu tun.
Kein Schüleraustausch, aber wieder mit einem Lateinlehrer und Rollstuhl
Mit meinem (ersten) Lateinlehrer pflegte ich eine Hassliebe. Latein fiel mir zu, vom ersten Prädikat an. Und quälten wir uns anfangs in der siebten Klasse noch durch Texte, in denen arme Sklaven sich mit der Getreideernte sputen mussten, um in kein Gewitter zu geraten, wurden die Texte mit der Zeit anspruchsvoller – wenn auch nicht interessanter. Auf dem gleichen Niveau blieben allerdings die Kommentare, die mein Lateinlehrer und ich uns zuriefen. Es macht keinen Sinn und wäre auch nicht witzig, sie hier nachzuerzählen, aber sie waren gut und meistens unterschwellig beleidigend. Ich hatte meinen Lateinlehrer von der siebten Klasse an gehabt und so kannten wir uns ganz gut.
Als wir in der achten Klasse in Trier gewesen waren, hatte mich ein Mann begleitet, der zeitweise auch die Begleitung beim Reiten übernommen hatte. Bezahlt wurden die Menschen, die mich beim Reiten oder auch extern auf Klassenfahrten begleiteten, von der Verhinderungspflege. Fallen die regulären Pflegepersonen, in meinem Fall meine Eltern, die ja für meine Pflege von der Krankenkasse auch Geld bekommen, aus, kann Geld an eine ‚Ersatzpflegeperson‘ gezahlt werden.
In der zehnten Klasse aber war ich in Konstanz ohne Begleitperson dabei. Und mein Lateinlehrer meinte auch gleich, dass er mit mir in ein Zimmer gehen würde. Ich glaube, wir waren nur für zwei Tage in Konstanz. Aber seine Bemerkung beim Abendessen „wir ham’ ja noch was vor heute Nacht“ zeigt, wie gut wir uns kannten. Weil ich sie als die Frotzelei auffassen konnte, die sie war. Es mag zunächst komisch anmuten, mit seinem Lateinlehrer – Mitte 40 – zusammen Zähne zu putzen, über Zahnbürsten zu diskutieren, von ihm ins Stockbett gehoben und vor allem am nächsten Morgen aufgeweckt zu werden. Aber eigentlich war das ganz entspannt. In diesem Fall blieb ich beim Sie, was mein Verhältnis zu ihm aber nicht beeinflusste.
Ganz ohne Schüleraustausch
Obwohl mein ehemals einziger Freund mit mir die gesamte zehnte Klasse nichts zu tun haben wollte, ja sich nach Kräften bemüht hatte, mir das Leben schwer zu machen und mich ausgelacht hatte, ereignete sich zu Ende meines zehnten Schuljahres folgende Geschichte: Ich saß mit einer Schokoladentafel da. Er nicht weit weg. Ich öffnete sie und er fragte, ob er ein Stück haben dürfe. Ich gab ihm eins. Seither sind wir wieder Freunde. Es interessierte mich nie, was ihn geritten hatte, ich bin froh, ihn wieder als Freund zu haben.