Ich war in der Schule und Klasse trotz aller Entwicklung auf Hilfe angewiesen. Neben dem sozialen Aufstieg bescherte mir der Wegfall des Zivis eine andere Herausforderung. Ich hatte nach wie vor das Problem, dass ich nicht immer schnell genug mitschreiben konnte, von Zeichnungen ganz zu schweigen. Bald konnte ich, auch wenn das Verhältnis anfangs noch angespannt war, mir die Aufschriebe von einer Klassenkameradin kopieren. Und über die Hilfe, die ich von immer mehr Menschen bekam, entwickelte sich weitere Freundschaft und auch Verständnis.
Als ich noch meinen Zivi hatte, bekamen meine Mitschüler nur mit, dass ich oft zu spät in den Unterricht kam, Klausuren länger schreiben durfte, einen Laptop benutzen durfte. Jetzt, im Gespräch, oder in der schlichten Begleitung durch die Schulgänge wurde klar, dass diese Pausen nötig waren. Von den verschiedenen Treppen im Schulhaus, denen ein Aufzug gegenüberstand, abgesehen. Ich hatte jetzt mehr Verständnis. Aber, das wurde mir klar und prägt mich bis heute, ich musste es mir holen. Ich kann ja schlecht von anderen verlangen, dass sie wissen, wie mein Alltag aussieht.
Hilfe muss man sich (nicht nur in Klasse und Schule) holen
Nachdem ich sozusagen ins kalte Wasser geworfen worden war, musste ich Kontakte knüpfen – weil ich Hilfe in der Klasse und in der ganzen Schule brauchte. Und es funktionierte. Ich bekam plötzlich Hilfe von allen Seiten, wohin ich mich auch wandte. Ich bin nach wie vor abhängig von Menschen. Aber nicht von bestimmten Menschen, etwa einem Zivi, meinen Eltern oder einzelnen Freunden. Emotional natürlich, aber technisch bin ich in der ganzen Welt zuhause.
Jeder Mensch hilft, so meine Erfahrung. Der Grund, warum manche Menschen negative Erfahrungen machen, wenn sie um Hilfe bitten – gleich welcher Art – ist meines Erachtens folgender. Das Gegenüber weiß oft nicht, wie es reagieren soll, was genau von ihm verlangt wird. Und manchmal ist es sich unsicher, ob es überhaupt helfen darf. Für mich ist es entscheidend gewesen zu erfahren, dass es mein Job ist, mich um Hilfe zu kümmern, sie passgenau zu beschreiben und anzunehmen. Niemand kann riechen, was ich brauche, es sei denn, er kennt mich schon. Ich kann niemandem einen Vorwurf machen, wenn er mir hilft oder wenn er mir nicht hilft, weil er sich oft selbst nicht zu helfen weiß. Ich muss schon selbst auf mich aufmerksam machen. Wesentlich auch hierüber, über das Ansprechen von Leuten und dem daraus sich ergebenden Kontakt, begannen sich – zumindest am Anfang – Freundschaften zu entfalten.
Unvergessliche Worte – ein Jahr zuvor
Einen meiner Lehrer möchte ich namentlich erwähnen. Das soll jetzt zum ersten Mal geschehen, um meine Hochachtung und tiefe Dankbarkeit für seine entscheidenden Sätze zum Ausdruck zu bringen, da er, ohne es wahrscheinlich zu wissen, ganz wichtige Weichen für mein Leben stellte. In der neunten Klasse erzählte ich einmal beim Mittagessen in der Schule, dass ich überlegte, a) wegen meiner sehr guten Noten eine Klasse zu überspringen und b) wegen Ermangelung der Möglichkeit zur dritten Fremdsprache, auch gleich die Schule zu wechseln. Es mag vielleicht auch ein unterschwelliges Gefühl des Nicht-Integriert-Seins ein Faktor gewesen sein, aber ich denke, das sah ich damals gar nicht so, denn ich hatte ja meinen besten Kumpel, meinen Zivi und sowieso war mir der Rest egal. Ich hatte damals schlicht noch geglaubt, Gesellschaft sei nichts für mich und ich nichts für Gesellschaft. Dieses eventuelle Gefühl erwähnte ich natürlich mit keiner Silbe.
Herr Schimpf, der mit am Tisch saß, sagte zu mir: „Simon, pass auf, du bleibst jetzt hier an der Schule. Du hast hier alles was du brauchst, kommst super zurecht, bist integriert“ – bei diesen Worten lachte ich in mich ein wenig hinein – „und Spanisch kannst du bei Bedarf immer noch an der VHS nachholen.“ Dieser letzte Teilsatz war es, der mich meine Idee, die Schule zu wechseln, aus rein praktischen Gründen zunächst aufschieben und dann vergessen ließ. Ebenfalls verschwand der Wunsch, eine Klasse zu überspringen. Ich weiß nicht warum, aber vielleicht war es die Wärme, die aus seinen Worten sprach. Hätte er sie nicht gesprochen, wäre ich damals vielleicht an eine andere Schule gegangen oder hätte die Klasse gewechselt, und alte Wunden auf meiner und auf der Seite meiner Klasse vergessen können.
Schlüsselerfahrungen
Aber dann hätte ich die Schlüsselerfahrung meines Lebens nicht machen können: Du musst vor niemandem davon laufen, nie. Du musst ihn nur genauer anschauen und ihm die Möglichkeit geben, seine gute Seite zu zeigen. Und Herr Schimpf behielt recht: Ich wurde integriert, in einem Maße, wie ich es mir nie erträumt hätte. Nicht nur Hilfe bekam ich in der Schule – und auch in meiner Klasse, mit der ich ein sehr angespanntes Verhältnis gehabt hatte – sondern auch Freundschaft. Ich habe schon ganz am Anfang erzählt, dass ich viel auf Erwachsene angewiesen und mit Erwachsenenthemen vertraut war. Das änderte sich auch in der zehnten Klasse nicht. Aber es kam die Ebene der Gleichaltrigen stärker dazu, als es in der siebten, achten und neunten Klasse der Fall gewesen war. Und auch noch stärker als es jemals der Fall war.
Ein einzelnes wichtiges Ereignis war für mich die Schultheaterproduktion Anatevka im Dezember der zehnten Klasse. Ich nahm die Schule jetzt als einen Ort wahr, an dem nicht die Schule selbst im Vordergrund steht. Nicht das Lernen. Lehrer, Eltern, Mitschüler, alle zogen an einem Strang. Alle waren gleichberechtigt. Und ich war absolut dabei. Über Wochen probten wir in der Schule, die spätestens damals zu meinem dritten und unendlich wertvollen Zuhause wurde. Die Wochentage verbrachte ich im Unterricht, AGs und mit Freunden. Die Wochenenden war ich in der Schule.
Hilfe nicht nur in der Klasse – in der ganzen Schule!
Es kam auch nach Anatevka immer wieder vor, dass ich zwölf Tage hintereinander das Schulgebäude von innen sah. Für manch einen mag das ein Graus sein, doch für mich war es der Himmel. Ich konnte mich frei bewegen – nicht missverstehen, ich konnte mich natürlich auch zuhause oder in der gesamten Umgebung frei bewegen, ein ganzes Gebäude ist was anderes! Ich hatte buchstäblich hunderte bekannte Menschen um mich, bekam Hilfe und wurde geschätzt. Denn gemeinsam mit mir entdeckten auch alle anderen, dass ich noch einige Seiten mehr hatte als Schulnoten, Nachdenklichkeit und Intelligenz.
Ich habe jedem beliebigen Schüler meine Schultasche mit Laptop geben können, damit er sie die Abkürzung über die Treppe mitnahm, während ich den komfortableren Umweg mit dem Aufzug hatte. Nie bekam sie auch nur einen Kratzer. Ich ließ sie überall im Schulhaus stehen. Stunden später stand sie trotzig am selben Fleck. Wenn auf den Fluren pubertierende Mädchen ihre meterlangen Beine beidseits in den Gang streckten und Taschen dazwischen lagen wie im Gepäckraum eines Busses, dann genügte ein kleines, freundliches ‚Vorsicht‘ und der Weg war in fünf Sekunden frei. War eine der schweren Glastüren im Schulhaus zu, dann war sogleich jemand zu Stelle, oft ohne dass ich was sagte.
Auch Rampen waren im Schulhaus gebaut worden, um den etwas höher gelegenen Neubau zu integrieren. Gerne setzten sich Schüler in den Pausen darauf. Aber da sie immer pflichtschuldigst aufsprangen, sobald ich mich näherte, war das kein Problem. Kleinere Schüler waren immer mal wieder ganz begierig darauf, mich zu schieben, wogegen ich natürlich nichts einzuwenden hatte.Wenn im Pausenraum, wo auch der Kiosk ist, sich die Schülerscharen drängten, mich mit Tasche und Jacke Beladenen die kleinen Rampen hatten passieren ließen und ich mich durch sie zum Aufzug kämpfte, merkte ich die Hilfsbereitschaft besonders.
Türen
Ich hatte dabei zu Mitschülern und Lehrern einen guten Draht. Vielleicht lag es bei letzteren an der Tatsache, dass ich im Rollstuhl saß. Oder daran, dass ich mich in der Schule großräumig engagierte. Jedenfalls hatte ich immer gute Zugänge zu Heiligtümern unserer Schule, wie der direkten Tür zum Lehrerzimmer oder Sekretariat. Liebe Lehrer, Sie haben mir die Chance gegeben, zu dem zu werden, der ich heute bin. Immer wieder durfte ich Schüler aus Ihrem Unterricht in die Streitschlichtungen entführen. Ich durfte zum Kopierer oder den Toiletten vor das Lehrerzimmer kommen (mehr zu den Toiletten später). Eigentlich müssen Schüler vor einer Glastür/-wand warten, die den Lehrerbereich kreislaufschonend vom Rest der Schule etwas abtrennt. Nebenbei konnte ich meine Bitten loswerden, was doch ein angenehmer Nebeneffekt war.
Für sämtliche Probleme rund um Schlüssel, für den Aufzug und Toilette sowie unendlich viel Weiteres stand mir äußert kompetent das Sekretariat beiseite. Für kleinere Rollstuhlreparaturen war unser Hausmeister gerne zur Verfügung. Er ist einfach „eine coole Socke“. Muss ich mal losgeworden sein. Da ich am Donnerstag nach sechs Stunden Schule immer gleich Schwedisch-AG hatte, hob mir das Küchenpersonal etwas Mittagessen auf. Ich war so verbunden mit AGs und Tätigkeiten, dass ich das reguläre Mittagessen verpassen musste.
Natürlich hat gerade so etwas, wie auch alles andere was ich schildere, nicht immer primär mit meiner Tätigkeit als Berufsrollstuhlfahrer zu tun. Deshalb wird der Rollstuhl hier auch nicht erwähnt. Aber weil ich gelernt habe, zuerst in der Schule, dann in der Klasse und nun in der ganzen Welt, um Hilfe zu fragen, traue ich mich mehr und vertraue. Ich habe immer – bis auf dreimal in meinem ganzen Leben – eine positive Rückmeldung bekommen. Dieses Vertrauen spüren andere Menschen und öffnen mir Türen. Echte und Lebenstüren. Vielleicht ist die Erklärung unzureichend, jedenfalls ist es die sinnvollste, die mir einfällt.