Geburtstag und Jakobsweg im Rollstuhl

Nein, ich bin (noch) nicht im Rollstuhl bis Santiago de Compostella gepilgert und hatte auch auf nicht auf dem Jakobsweg Geburtstag. Und exzessives Feiern und Jakobsweg verbindet man normalerweise auch nicht miteinander. Mir persönlich hat das ‚Feiern’ auch noch nie richtig gelegen. Ich bin kein absoluter Partylöwe, aber lasse mich gerne mal von Bar zu Bar, von Kneipe zu Kneipe schieben.

Nur so nebenbei: Irgendwann fand ein Bekannter eine recht fiese Art, mich schwindlig zu machen. Er hob mich hinten an den Griffen des Rollstuhls nach oben, sodass die großen Räder in der Luft hingen, und drehte sich dann um die eigene Achse. Ich selbst war gezwungen wie in einer Zentrifuge im Kreis geschwungen zu werden. Auch ohne Bier wurde mir nach zwei Umdrehungen speiübel. Ich weiß jedenfalls, dass sich beim Alkoholkonsum die Welt gewaltig drehen kann, auch wenn ich selbst schon Minuten stillstehe. Aber dass ich mich inmitten einer angeheiterten Menge wohlfühlte, entwickelte sich alles erst während der zehnten und elften Klasse. Wie das jetzt mit Geburtstag, Rollstuhl und Jakobsweg zusammenhängt, kommt nun.

Mein 18. Geburtstag als Auftakt zum ersten Jakobsweg

Auch wenn ich zu meinem 18. Geburtstag noch nichts mit Alkohol zu tun hatte, hatten meine Eltern etwas Außergewöhnliches für mich auf die Beine gestellt. Am Freitag nach meinem Geburtstag fuhr mich meine Firmpatin von irgendeinem Vorbereitungstreffen nach Hause. Im Auto redeten wir noch darüber, dass große Feierlichkeiten nicht so mein Ding waren. Als wir zuhause ankamen, lief meine damalige Angebetete mit einem gemeinsamen Freund die Straße hinunter. Offenbar hatten sie nicht gesehen werden wollen. Doch wir begrüßten uns.

Ich weiß gar nicht mehr, ob ich da schon etwas ahnte. Als ich die Haustür aufschloss, stürmte mir eine große Meute von Menschen entgegen und gratulierte mir zum Geburtstag. Ich wusste nicht recht, wie mir geschah, aber es war der Beginn eines richtig guten Abends. Ich weiß wohl, dass es weder angesagt noch üblich ist, seine Eltern die Geburtstagsfeier ausrichten zu lassen. Aber irgendwie war es an jenem Abend wie ein weiterer Dammbruch. Mitschüler und Leute aus unserer Gemeinde nebst früheren Zivis besetzten das Wohnzimmer. Und es war klasse. Meine Mutter schoss Fotos, die ich heute noch in Ehren halte.

Das Ereignis hatte eine ganz besondere Note und auch wenn ich meine Feiern ab diesem Jahr selbst organisierte, freute ich mich, dass so Viele gekommen waren. Meine Mutter vertraute mir später einmal an, dass sie oft um Freunde für mich gebetet habe. Ja, bis zu meinen Metamorphosen ein Jahr zuvor hatte ich auch insgesamt sehr wenige Freunde gehabt, mich nicht dafür interessiert. Und meine Eltern waren sehr glücklich, dass alle eigentlich sofort und begeistert ja zur Einladung gesagt hatten. Ich auch. Mein Rollstuhl stand einem ordentlichen Geburtstag endlich nicht mehr im Weg und war sogar für den Jakobsweg geeignet. Auch das hätte ich mir zwei Jahre zuvor nicht träumen lassen.

Mit dem Rollstuhl auf dem Jakobsweg

Dort ging es nämlich die nächsten zwei Tage hin. Nun wird sich der ein oder die andere vielleicht denken können, dass wir es nicht bis Santiago de Compostela geschafft haben. Der Jakobsweg verläuft durch ganz Europa und besteht aus einem weit verzweigten Wegenetz. In diesem Jahr hatten einige aus unserer Kirchengemeinde die Idee, dass man etappenweise den Jakobsweg (in Süddeutschland und Umland pilgern könne.

Seither wird das einmal im Herbst gemacht. Auch wenn es von unserer Kirchengemeinde aus geplant wird, so haben wir doch auch einen beträchtlichen Anteil Nicht-Katholiken dabei, einige aus anderen Gemeinden. Altersmäßig ging es beim ersten Mal von 12 bis 78. Also ein recht buntes Häufchen, in dem nicht jeder jeden kannte. Doch wir hatten ja einige Stunden Weg, um uns gegenseitig kennen zu lernen. Ich tat mich besonders leicht, denn die Schieber an meinem Rolltuhl mussten ab und an wechseln – und mehr als einmal bekam ich auf diesem ersten Jakobsweg weitere Glückwünsche zum Geburtstag zu hören.

…natürlich nicht alleine

Da ich zwar sportlich bin, aber doch auch an meine  Grenzen stoße, werde ich die meiste Zeit geschoben. Dabei gibt es verschiedene Varianten. Die klassische besteht aus einem Schieber. Je nach Statur und Kondition kann es dabei richtig abgehen. Dann gibt es diverse Helfer, die den Schieber schieben. Variante drei wird von zweien bestritten, von denen jeder einen Griff in der Hand hält. Variante vier (wird meist für die knackigeren Waldböden oder Berghänge verwendet) hat einen Heck- und einen Frontantrieb. Der Frontantrieb besteht aus zwei Leuten, die sich je einen Teil des Rahmens meines Rollstuhls vornehmen.

Veredelt wird dieses Reiseerlebnis, wenn sich ein paar der Männer ihrer Gürtel entledigen und sie wie bei einem Pferdegespann am Rollstuhlrahmen befestigen. Der Heckantrieb hält mich ein wenig gekippt – die großen Räder kommen auch mit größeren Hindernissen klar – und vorne wird gezogen. Nummer fünf besteht aus vier Sänftenträgern, die mich in ihre Mitte nehmen. Die ultimative Art der Fortbewegung! Ich schwebe über jegliches Gelände, federleicht… nur gestört vom gelegentlichen Fluchen und Schnaufen der Träger.

Nein, im Ernst, man hält es fast nicht für möglich, welches Gelände und welche ‚Wege’ wir schon bestritten haben. Sollte Variante fünf versagen oder für einen längeren Zeitraum erforderlich und damit unzumutbar werden, haben wir selbstverständlich einen Joker: Unser Gemeindebus fährt mit. An geeigneten Wegpunkten hält er etwa alle zwei Kilometer und ich kann – auch andere temporär Fußlahme nehmen diesen Service gerne an – eine Etappe überspringen. Die Touren ohnehin werden im Vorhinein mit dem Rad abgefahren, sodass ich von Beginn an weiß, welche Wegteile möglich sind.

Ein Rollstuhl macht vieles möglich

Diese organisatorische Meisterleistung ist ein Paradebeispiel, wie das Leben im Rollstuhl schwebend leicht, voller Mithilfe und Engagement – und Freude und Spaß für alle Beteiligten – werden kann. Das Geheimnis ist einfach. Es schiebt jeder ein bisschen und so, wie er oder sie es kann. Dann wird niemand überlastet oder meiner überdrüssig.

Im Gegensatz zum Rest geht mir beim „Laufen“ aber nicht die Puste aus. Und als es Abend, dunkel und kalt wurde, kam mir beim besagten ersten Jakobsweg nach meinem Geburtstag, während die meisten sich mühsam dahinschleppten und ich entspannt im Rollstuhl sitzen konnte, ein Lied in den Sinn: Das Zellenlied. Es lohnt sich, das mal auf YouTube zu suchen. Der Text geht jedenfalls so: „Jede Zelle meines Körpers ist glücklich! Jede Körperzelle fühlt sich wohl! Jede Zelle an jeder Stelle, jede Zelle ist voll gut drauf!“ Als ich das so vor mich hinträllerte, kamen empörte Blicke, die sich aber doch darin auflösten, dass einige mitsangen.

Ich weiß noch, wie wir in der Jugendherberge, in der wir uns des Nachts auszuruhen gedachten, nach dem Duschen und Abendessen im Zimmer saßen, redeten und redeten und Quatsch machten. Fast alle im Zimmer waren auch auf meiner Feier am Tag zuvor gewesen. Irgendwie gehört der Jakobsweg in diesem ersten Jahr, den wir in einer wunderschönen, Licht durchfluteten kleinen Kirche mit einem Gottesdienst beschlossen, zu meinem 18. Geburtstag dazu und ist zu einer wesentlichen jährlichen Tradition geworden, die mir und anderen zeigt, wie ein Rollstuhl ganz unproblematisch eingebaut werden kann.