Man mag meinen, durch den Rollstuhl wäre mein Alltag unglaublich kompliziert, was die Mobilität anbelangt. Zumal ich schon während der Zeit in der Schule viele Termine hatte, zu denen ich kommen musste. Es braucht bestimmte Tricks. Sind die aber mal gefunden, steht dem Spaß nichts mehr im Wege. Vielleicht ist es an dieser Stelle einmal angebracht, beispielhaft einen Wochenablauf aus der elften Klasse zu skizzieren.
Mobilität ist auch im Rollstuhl im Alltag unverzichtbar
Am Montag begann ich – oh Wunder! – um 7.40Uhr mit der Schule. In der Mittagspause Essen und Schulchor. Nach der Schule holte mich ein Zivi und fuhr mich zur Krankengymnastik. Von dort rollte ich zur Firmvorbereitung ins nahe gelegene Gemeindehaus. Von da brachte mich irgendjemand von der Firmgruppe nach Hause. Am Dienstag in der Mittagspause Spanisch-AG und Chillen (ja, ich blieb wegen der AG und den anderen in der Schule, ich hatte keinen Nachmittagsunterricht). Dann heim zur Nachhilfe. Abends Jugendchor. Zeitweise hinterher noch ein anderer Chor. Um 22Uhr daheim. Am Mittwochnachmittag nach der Schule ein anderer Nachhilfeschüler, dann frei. Dann am Donnerstag nach der Mittagsschule Theater-AG und Gesangsunterricht. Am Freitag nach der Schule Reiten und zu guter Letzt Emailberatung, wo mich jeweils mein Zivi aus der sechsten Klasse hinfuhr.
Die Mailberatung ist so etwas wie Telefonseelsorge nur über E-Mail. In der achten Klasse hatte ich dahingehend eine 60-stündige Ausbildung absolviert. Ich hatte schon recht bald meine soziale Ader entdeckt und konnte sie bei der Mailberatung voll ausleben. Es waren immer Profis (Psychologen) im Beratungszimmer, die unsere Mails, bevor wir sie verschickten, noch mal gegenlasen. Wir durften die Mails auch nur dort schreiben. Sowohl Berater als auch Klienten hatten Nicknames. Eine sehr feine Sache.
Abends kam immer mindestens ein Termin von der Kirche extra pro Woche. Mögen es die Oberminis oder die Firmvorbereitung (als Katecheten) oder eine Gottesdienst- oder sonstige Eventvorbereitung gewesen sein. Dasselbe galt für die Schule und selbstverständlich für die Chöre. Und auch wenn das Wochenende nicht so strukturiert war, gab es auch da viele Fahrten, die getätigt werden mussten.
Ohne professionelle Unterstützung geht es (noch) nicht: Die KBF
Weil sich der Rollstuhl für lange Wege als alleiniges Vehikel nicht eignet, muss ich an erster Stelle während der Schulzeit die KBF (Körperbehindertenförderung) für meine Mobilität im Alltag nennen. Bei uns in der Gegend ist das die soziale Einrichtung, die auch Fahrdienste übernimmt. Und die Koordinatorin und die einzelnen Zivis haben das großartig gemacht. Irgendwas fiel immer aus oder ich musste länger in der Schule bleiben. Dann rief ich an und in zwei Minuten war die Sache erledigt. Selten wurde ich versetzt. Die meisten Fahrer waren sehr nett und engagiert. Vom Großteil hatte ich auch die privaten Handynummern, die Kommunikation funktionierte reibungslos. Oft textete ich ihnen die Mailbox voll und sie mussten ihre liebe Not haben, meine im Eiltempo aufgesprochenen Nachrichten zu verstehen. Trotzdem konnte ich in den allermeisten Fällen auf prompteste Hilfe bauen.
Die Zivis oder FSJler wurden mir alterstechnisch ja immer ähnlicher, und so waren die Fahrten zunehmend amüsanter, wenn ich manche dann über einige Monate hinweg kannte. Zugegeben, mit anderen war es auch einfach schwierig. Sie kamen oft zu spät und erfanden die wildesten Ausreden. Manche redeten gar nicht, manche kaum Deutsch und wieder andere so schnell und viel, dass sie mich abhängten.
Meinen Eltern kann gar nicht genug gedankt werden, was die Ermöglichung meiner Mobilität, überhaupt meines ganzen Lebens betrifft – im wörtlichen wie übertragenen Sinne. Deshalb soll dieser Abschnitt auch allein stehen.
Seelsorgeeinheiten sind groß
Schließlich sind in diesem Zusammenhang noch diverse Mitglieder unserer Kirchengemeinde zu nennen. Sie nehmen mich mit, wohin immer wir gemeinsam müssen, und Umwege in Kauf. Ob Gottesdienst- oder Firmvorbereitung, ob Gottesdienste, ob Info- oder Gesellschaftsabende, ob Gremien oder Minitreffen. Alles machbar. Gott sei Dank haben wir auch in unserem Ort ein Gemeindehaus, sodass ich die ein oder andere Sache auch ‚zu-Rad’ erledigen kann.
Am Ende der zehnten Klasse ging meine Klasse zum Segeln nach Holland. Wie man schon aus dem Satz schlussfolgern kann, fuhr und segelte ich nicht mit. Denn mein Klassenlehrer – der, welcher den Zivi ‚abgeschafft‘ hatte – hatte versicherungsrechtliche Bedenken. Ich muss an der Stelle nicht anführen, was ich damals dazu dachte, auch wenn ich seinen Standpunkt selbstverständlich grundsätzlich nachvollziehen kann.
In der Woche machte ich also ein Praktikum der anderen Art. Mich interessierten schon immer – vor allem aber seit meiner Zeit als Ministrant und Oberministrant – kirchliche Strukturen und die Theologie selbst. Und so nahm mich unsere Pastoralreferentin, meine Firmpatin, eine Woche mit an ihren Arbeitsplatz. Nicht, dass ich an völlig neue Orte geführt worden wäre. Aber ich bekam eine andere Sicht vermittelt. Nett und top-organisiert und ein wandelndes Lexikon wie sie nun mal ist, erfuhr ich auch viele Hintergründe, wie eine der größten und gleichzeitig ältesten Organisationen der Welt funktioniert – und vielleicht auch, warum Manches nicht so funktioniert, wie es sollte. Meiner Firmpatin wiederrum war es natürlich sehr recht, dass ich just in den Wochen zuvor gelernt hatte, quasi selbstständig in ein Auto einzusteigen. Mein Gewicht will ich ihr definitiv nicht zumuten.