Ich habe vorgelebt und erlebt, wie Inklusion in eine normale Schule mit Rollstuhl gehen kann. Dass es aber nicht nur eitel Sonnenschein ist, wurde mir in einer Zeit, als ich schon voll-inkludiert war, deutlich. Denn in der elften Klasse machten wir in den Wochen vor Weihnachten von der Schule aus ein zweiwöchiges diakonisches Praktikum. In einer sozialen Einrichtung schauten wir zu und packten an. Ich suchte mir die Körperbehindertenschule in Mössingen aus, vor allem, da mich der Lehrberuf interessierte.
Das Praktikum war aus mehreren Gründen interessant und lehrreich für mich: Ich schreibe dieses Kapitel auch, weil ich der Idee der Inklusion, in der Ausprägung und Furore wie sie zurzeit in Deutschland diskutiert wird, nicht zustimme. Jedes Kind mag nach dem Gesetz ein Recht haben, eine Regelschule zu besuchen. Das ist ganz klar und richtig. Inwieweit es allerdings in jedem Einzelfall Sinn macht, dieses Recht durchzusetzen, stelle ich in Frage.
Inklusion in der Schule – nicht nur im Rollstuhl kritisch zu prüfen!
Was habe ich als behindertes Kind davon, wenn ich jede Pause meinen Katheter wechseln lassen muss? Nicht mit anderen Schülern reden kann? Immer einen Leibwächter in Form eines Zivis bei mir habe? Ich denke an zahlreiche Kinder, die während der Schule Therapien besuchen müssen. Oder dem Unterricht aus Gründen der Konzentration nicht den ganzen Schultag folgen können, eventuell Auszeiten brauchen. Diese Kinder werden es schwer haben.
Denn neben dem riesigen Bedarf und Aufwand, den ihre Behinderung mit sich bringt, werden ihre Mitschüler sich ärgern, dass sie diverse Sonderrechte bekommen. Zumindest in den ersten Klassenstufen (wollen) sie nicht verstehen, dass ‚Sonderrechte’ ein Nachteilsausgleich sind. Sie sehen darin allenfalls eine Nachteilsentstehung für sich selbst. Jetzt wird der ein oder andere den Zeigefinger heben und sagen: „Genau hier muss Inklusion beginnen. In den Köpfen.“ Diese Annahme ist richtig (ich bin mir bewusst, dass der Begriff ‚Inklusion’ viel weiter gespannt ist, beschränke mich hier aber auf die Schullandschaften). Doch erstens kann man die menschliche Psyche nicht einfach umpolen. Und selbst wenn das gelingt, bleibt noch ein weiteres Hindernis.
Läuft es so wie bei mir die ersten Jahre des Gymnasiums, dann werde ich im doppelten Sinne behindert. Ich werde erstens ganz nebenbei von der Gruppe, die mich umgibt, ausgeschlossen, weil ich nicht alles so miterleben kann, wie ich es sollte. Und dann hindere ich mich zweitens auch noch selbst, indem ich mich zuerst verletzt und traurig fühle – ohne, dass ich das als Sechst- oder Siebtklässler hätte artikulieren können! – und grenze mich dann zum Schutz ab, mit dem Gedanken: ‚Wenn ich nicht wirklich mitmachen kann, dann wird das auch nichts für mich sein.‘
Inklusion muss zum Dritten auch vom zu Inkludierenden ausgehen.
Will ich mich voll und ganz in eine Gesellschaft integrieren, muss ich etwas dazu tun –Ich selbst habe damals in der zehnten Klasse ganz bewusst meine Behinderung ‚abgestreift’. Mich – soweit es eben möglich ist – dem Tagesablauf eines Läufers angepasst. Den Grundstein dafür haben meine Eltern gelegt, ich baute darauf auf. Ich verzichtete auf Vorrechte. Ich hörte auch innerlich auf, die Sonderrolle zu spielen, die ich nun mal in der Läufergesellschaft innehatte. Es herrscht das Denken vor, dass sich die Gesellschaft den zu Inkludierenden anpasst. Ganz konkret heißt das zum Beispiel, dass alle Baumaßnahmen so geplant werden, damit ein Rollstuhlfahrer jeden Winkel des Gebäudes erreichen kann. Das sind ehrenvolle Ziele für die Zukunft. Aber meine Aufgabe für die Gegenwart ist es, zu schauen, wie ich die Barrieren jetzt überwinden kann und wie ich persönlich mir Hilfen, Wege und vor allem Menschen suchen muss.
Andererseits, und DAS sehe ich als die große Chance und Aufgabe der Inklusion, wird man in der ‚normalen’ Schule und später Gesellschaft (ohne ständige Begleitung) dazu aufgefordert, sein Bestes zu geben. Inklusion ist dann möglich, wenn der Wille und die persönlichen Möglichkeiten da sind, sich zu einem möglichst großen Grad in die Gesellschaft einzubinden. Wenn man das kann, ist Inklusion klasse und sollte betrieben werden, wo immer möglich. Denn das ist das Wunder, das ich erleben durfte. Und das strahlte weit über die Schule hinaus.
Inklusion heißt, unkonventionelle Wege zu gehen
In den Weihnachtsferien ging es mal wieder zur Oberminifreizeit. Als wir sonntags in der Kirche im Gottesdienst waren (die Omifreizeiten gehen von Samstag bis Sonntag), musste ich aufs Klo. Zugegeben, es war unpassend. Aber weil meine Mitreisenden gute Katholiken sind, halfen sie mir, ein Örtchen zu finden, an dem ich ungestört meine Flasche aus der Tasche und etwas anderes aus der Hose holen konnte. Über eine steile, enge Treppe ging es nach oben, damit wir dann feststellen konnten, dass das ausgeschilderte Klo geschlossen war. Ein Kreis des Schweigens wurde vor der Toilette um mich gebildet, der Inhalt der Flasche in den Schnee geleert. Quasi rechtzeitig waren wir zum Gottesdienst zurück.
Unkonventionell war vieles. Auch in der Schule. Um den Bogen dorthin noch einmal zurück zu spannen, möchte ich ein Thema aufgreifen das im Rahmen der Inklusion eigentlich ständig genannt wird: Sport. Man hätte meinen können, gerade über den Sport hätte ich meinen Mitschülern zeigen können, dass ich gar nicht so anders bin. Aber das drückt. Denn gerade dort hätten sie gesehen, wie anders ich bin, was ich alles nicht kann. Mein Kopf kann alles, mein Körper nicht so viel. Doch es war nie eine bewusste Entscheidung, nicht am Sportunterricht teilzunehmen. Das hatte sich schlicht so ergeben.
Inklusion und Sport
Ich habe nur in der ersten und zweiten Klasse am Sportunterricht an der Schule teilgenommen. Ab der dritten Klasse bekam ich eine junge Frau, die mit mir sozusagen extra Sport machte. Ja, man sieht auch der Sport konnte mir bei Inklusion in die Schule nicht helfen, er schied mich eher ab. An sich schade, denn in den ersten beiden Klassen war ich ja darüber mit meiner Klasse zusammengekommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nie sonderlich für Mannschaftssportarten begeisterte. Ich gehe gern spazieren, Kopfhörer rein und ich fahre los. Wahrscheinlich kann man das mehr mit Joggen gleichsetzen, denn danach bin ich meistens recht fertig. Ansonsten, um das ein für alle Mal klarzustellen: Ich bin nicht sportlich aktiv und will es auch nicht. Das lässt für manche eine Welt zusammenbrechen.
Die mit Abstand am häufigsten gestellte Frage bekomme ich spätestens zwei Tage nach dem Kennenlernen zu hören: Machst du Rollstuhlsport? Ich habe die Vermutung, dass für alle Läufer Sport bei Rollstuhlfahrern der Ausdruck wieder gewonnener körperlicher Freiheiten ist oder ein Merkmal eines aktiven Rollstuhlfahrers. Auch wenn ich Artikel über Rollstuhlfahrer oder jedwede anderen Behinderte lese, fällt mir oft auf, wie häufig die eine oder andere sportliche Aktivität im Vordergrund steht.
Sport gehört zum Rollstuhlfahrer dazu?
Ich habe natürlich Ideen, warum das so ist. Erstens ist Sport – nicht zu Unrecht – ein Zeichen, dass man auf seinen Körper achtet, dass man gesund lebt, dass man seinen Körper erfährt. Zweitens ist Sport ein Thema, über das man mit fast allen Menschen reden kann. Drittens kann man sich im Sport messen, seine Siege genießen. Und viertens ist Sport auf den ersten Blick vielleicht das, was man einem Körperbehinderten nicht sofort zutrauen würde, weil es gegen seine Physis spricht und ihn so besonders macht.
Mitunter gewinne ich den Eindruck, dass Sport bei Körperbehinderten auch die Funktion haben könnte, etwas trotzig vielleicht ein Defizit auszugleichen oder auch der Welt zu demonstrieren: „Seht her, ich bin völlig normal!“ Vor allem aber sagt es – und das sagen besonders die Autoren jener Artikel über Körperbehinderte: „Ihr braucht mich nicht zu bemitleiden, denn ich kann alles, was ihr auch könnt.“ Das ist eine sehr steile These, ich weiß. Ich spreche niemandem die Freude an der Bewegung ab. Wie gerade geschrieben, gehe ich sehr gern spazieren, suche mir dabei auch mal schwierige Routen aus.
Ich bin auch absolut nicht unsportlich, habe durchaus eine ansehnliche Kondition und fühle mich wohl dabei. Ich registriere nur immer wieder ein leichtes Stutzen, wenn ich sage, dass ich keinerlei ausgewiesenen sportlichen Aktivitäten nachgehe. Es scheint zu einem aktiv am Leben teilnehmenden Rollstuhlfahrer ins Bild zu passen und passen zu sollen, sich sportlich zu beteiligen.
Inklusion in Schule und Gesellschaft geht auch anders
Ich muss mich leider entschuldigen, ich habe, was das angeht, keinerlei Ambitionen. Ich beantworte die Frage nach meinem Freizeitsport gerne weiterhin, kann aber versichern, dass ein Schul- und mittlerweile Universitätsalltag mir genug Gelegenheit gibt, meine sportlichen Bedürfnisse zu befriedigen.Vielleicht war alles, was ich es geschrieben habe auch nur eine Ausrede. Im Laufe der folgenden Beiträge wird deutlich werden, dass ich sehr wohl durch Bewegung und insgesamt eine möglichst gesunde Lebensweise sehr wohl etwas meinen Körper tue.
In der Schule und schließlich auch in der ganzen Gesellschaft habe ich Inklusion auf anderen Wegen erfahren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Chöre, Theatergruppen, weitere Arbeitsgemeinschaften in der Schule, gemeinsam die Mittagspause verbringen. Niemandem etwas beweisen zu müssen. Sowohl das meine schulischen Leistungen als auch diesem Sport angeht. Trotzdem vollkommen dazuzugehören, das ist Inklusion