Die Ärzte sagten meinen Eltern, ich hätte nur geringe Überlebenschancen, als ich am 15. Oktober 1990 auf die Welt kam. Eigentlich sollte ich mit meiner Großmutter am 26. Januar Geburtstag haben. Doch die Fruchtblase meiner Mutter entschied anders und ich kam in der 26. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Ich war also eine extreme Frühgeburt und die Folgen bestimmen mein Leben noch heute.
Unmittelbare Folgen der Frühgeburt
Ich hatte keine Ohren. Keine Brustwarzen. Meine Lunge war unterentwickelt. Ich maß stolze 30 Zentimeter, wog sagenhafte 820 Gramm. Die kleinsten Windeln waren so groß, dass sie mir unter die Achseln reichten. In den folgenden Monaten lag ich im Brutkasten. Als Frühegeburt war ich zunächst auf künstliche Beatmung angewiesen. Auf zahllose Kabel, die meinen Körper mit dem versorgten, was ihm nur der Mutterleib geben konnte. Tröpfchenweise bekam ich Muttermilch. Damit mein Vater dabei nicht leer ausging, dürfte er mir Blut spenden. Viel Blut hatte ich gebraucht. Vor allem weil immer wieder Operationen und Krankheiten auf mich warteten.
Ich wurde mehrfach krank – Lungenentzündungen, ein Leistenbruch. Mein Gesicht war aufgeschwollen vom Cortison. Ich magerte zwischenzeitlich auf 750 Gramm ab. Und gerade als meine Eltern mich nach Hause nehmen durften, brachte mich eine der Lungenenzündungen an den Rand meiner Lebenskräfte. Doch ich blieb und blieb. Meine Eltern blieben ebenfalls an meinem Bettchen. Sie waren überglücklich, als sie mich zu Weihnachten zum ersten Mal in den Armen halten durften. Und erst recht, als ich das Krankenhaus Anfang 1991 endgültig verließ.
Langfristige Folgen
Die eigentlichen Folgen der Frühgeburt kamen jedoch erst mit der Zeit zum Vorschein. Dass ich mich nicht altersgerecht entwickelte, merkten meine Eltern bald. Es wurde zur Gewissheit, dass ich nie die motorischen Fähigkeiten eines gesunden Kindes erlangen würde. Andere Prognosen des Kinderkrankenhauses München trafen zum Glück nicht zu. Ich wäre später auch kognitiv, unter anderem im sprachlichen und mathematischen Bereich, eingeschränkt – ich liebe Mathe und Zahlen!
Von der Frühgeburt blieb vor allem eine spastische Zerebralparese. Das heißt, dass ich sehr wohl alles spüre, aber die Motorik mitunter etwas eigenwillig ist. Ohne mich jetzt medizinisch angreifbar zu machen. Meine Muskeln bekommen von meinem Gehirn den Befehl, sich zusammen zu ziehen, genauer die Beuger. Würde ich nicht aktiv dagegen steuern, sähe ich irgendwann aus wie eine Kugel, alles zieht immer zur Körpermitte hin. Und durch die Muskelkontrakturen ist auch meine Bewegung insgesamt eingeschränkt.
Meine Behinderung bringt aber vor allem ganz andere Aspekte als den der eingeschränkten Mobilität mit sich. Sie bietet unglaublich viel Freude und Glück.